Deutsche Börse-News: "Sind US-Aktien noch sicher?"
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Christoph Frank beschäftigt eine zunehmende Rechtsunsicherheit für Investments in US-Unternehmen, die er wahrnimmt - und überlegt. was das für globale Anlegerinnen und Anleger bedeutet.
19. Januar 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Vor etwa dreieinhalb Jahren thematisierte ich unter dem Titel "Rechtssicherheit wird oft nicht wertgeschätzt" an dieser Stelle einen meiner Meinung nach oft übersehenen Aspekt der Kapitalanlage: Wie sicher ist eigentlich die Position eines Investors, wenn es hart auf hart kommt? Welche Möglichkeiten stehen ihm zur Verfügung, um seine Eigentumsrechte durchzusetzen? Mein Resümee war, dass es mir persönlich zu riskant ist, wenn ein Staat gegenüber Unternehmen zu "viel unkontrollierte Macht hat und sie auch ungeniert einsetzt. Denn niemand kann garantieren, dass der Bannstrahl dieses Staates nicht plötzlich auch meine Investments trifft."
Seinerzeit hätte ich nicht gedacht, dass ich diese Zeilen einmal in einen Zusammenhang mit US-Aktien bringen würde. Damit von vornherein keine Missverständnisse aufkommen: Zwischen Zuständen wie bei russischen Vermögenswerten und US-Aktien liegen auch nach einem Jahr "Trump 2.0" immer noch Welten. Aber auf einer Skala von "ich mache mir überhaupt keine Sorgen um die Rechtssicherheit" bis "akute Gefahr für mein Eigentum" sehe ich US-Aktien im Vergleich zu ihrer Position vor einem Jahr etwas weiter Richtung rechtes Skalenende gerückt.
Warum? Weil ich mit Befremden zur Kenntnis nehme, dass die Regierung Trump ganz offen rechtsstaatliche Prinzipien und Kontrollmechanismen schleift, Unternehmen via Social-Media-Posts und Dekrete drangsaliert und sogar zunehmend direkt in ihre Eigentumsrechte eingreift. So will Donald Trump beispielsweise US-Rüstungskonzernen Aktienrückkäufe sowie Dividendenausschüttungen untersagen, sofern sie von ihm beobachtete Produktionsprobleme nicht in den Griff bekommen. Für Kreditkartenunternehmen bringt er eine Kappungsgrenze für den Zinssatz von 10 Prozent ins Spiel. Institutionellen Investoren will er verbieten, Einfamilienhäuser zu kaufen. Die Aktien der betroffenen Firmen reagierten bereits entsprechend.
Egal, wie ernst es Donald Trump mit derartigen Einlassungen wirklich ist und wie viel eher Anbiederung vor den nahenden Zwischenwahlen im Herbst geschuldet ist: Alleine der Fakt, dass sich Investoren plötzlich überhaupt mit Fragen nach der Rechtssicherheit in den USA befassen müssen, spricht Bände und ist eine gewaltige Veränderung in den vergangenen zwölf Monaten. Derartiges kannte ich bisher eher aus Schwellenländern oder "Schurkenstaaten".
Kurzfristig mag das keine großen Auswirkungen haben, auch weil die USA ein Kapitalmagnet bleiben und Europa leider nicht aus dem Quark kommt. Frei nach der bekannten Maxime des "saubersten schmutzigen Hemds": Wenn ich im Reisekoffer nur noch getragene Hemden habe, dann nehme ich eben das am wenigsten schmutzige, in unserem Fall US-Investments: nicht perfekt, aber wachstumsstark, produktiv, in einem Umfeld mit tiefem Kapitalmarkt und attraktiver Staatsquote. Im Vergleich zu Europa oder vielen Schwellenländern sind das Trümpfe, die immer noch stechen.
Langfristig sieht die Abwägung aber möglicherweise anders aus. Die vielleicht wichtigsten strukturellen Wettbewerbsvorteile der USA sind Rechtsstaatlichkeit, Offenheit, Forschungsfreiheit und die verlässliche Orientierung an marktwirtschaftlichen Prinzipien. An allen vier Standbeinen sägt Trump: Auf Rechtsstaatlichkeit pfeift er in Wort ("I don?t need international law") und Tat, Hochqualifizierte werden von der verschärften und oft als willkürlich empfundenen Zuwanderungspolitik wohl vermehrt abgeschreckt, US-Universitäten stehen ebenso unter Dauerbeschuss der Regierung wie die noch unabhängige US-Notenbank Federal Reserve, und im US-Wirtschaftssystem wird die Gunst des Herrschers zu einem zunehmend wichtigeren Erfolgsfaktor.
All das könnte das Vertrauen in die USA weiter beeinträchtigen. Würden die großen Kapitalsammelstellen ihre strategische Positionierung an die neue Risikolage anpassen, wäre die Fallhöhe bei einem Anteil von knapp 72% der USA im Aktienindex MSCI World per Ultimo 2025 gewaltig. Bisher hat speziell Deutschland wenig getan, um Trumps "Steilvorlagen" zu nutzen, sich selbst als attraktiven Standort mit verlässlichem Rechtsrahmen herauszuputzen und vor allem echte Reformen umzusetzen. Immerhin: Im Zehnjahres- und Fünfjahresvergleich liegt der Kurs-DAX meilenweit hinter dem US-Leitindex S&P 500. Doch auf Sicht von zwei Jahren bzw. einem Jahr herrscht bereits Gleichstand. Vielleicht erweisen sich die Aktienmärkte einmal mehr als die besseren Frühindikatoren für nahende Veränderungen.
Von Christoph Frank, 19. Januar 2026, © pfp Advisory
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)