Deutsche Börse-News: "Investieren im Ruhestand" Kolumne
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - "Investieren im Ruhestand: Zwischen dem Hammer der Inflation und dem Amboss des Marktes"
Die Zinsen sind zurück, doch für Ruheständler reichen Tagesgeld und Bundesanleihen nicht, um die Kaufkraft über 20 Jahre und mehr zu sichern. Ohne Kapitalmarktrisiken geht es bei Ruhestandsportfolios nicht, aber sie müssen gut strukturiert sein, zeigt eine Analyse von Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor.
23. Februar 2026. FRANKFURT (envestor). Wer mit 65 in Rente geht, kann sich auf einen langen Ruhestand freuen. Statistisch wird ein 65?jähriger Mann in Deutschland noch rund 17 bis 18 Jahre leben, eine 65?jährige Frau hat rund 20 Jahre vor sich. Für die Geldanlage im Ruhestand bedeutet das: Der Anlagehorizont endet nicht mit dem Renteneintritt. Portfolios, die nur auf Tagesgeld und Bundesanleihen setzen, sind dafür zu defensiv - das größte Risiko ist der schleichende Kaufkraftverlust. Aber ältere Anlegende müssen die Folgen von Kapitalmarktrisiken viel gründlicher überdenken als noch in der Phase des Vermögensaufbaus.
Sichere Anlagen markieren heute die Unterkante dessen, was nötig ist. Tagesgeld und kurzfristige Einlagen bringen typischerweise 2 Prozent pro Jahr, zehnjährige Bundesanleihen rentieren aktuell mit unter 3 Prozent. Damit lässt sich die Inflation grob ausgleichen, viel mehr aber nicht. Wer seinen Lebensstandard im Ruhestand halten will, kommt um zusätzliche Renditequellen kaum herum: Aktien rentieren langfristig mit 8 bis 12 Prozent pro Jahr und sind damit die renditestärkste Anlageform, die uns zur Verfügung steht. Alles auf Aktien also auch im Ruhestand? Der Frage wollen wir mit zwei Beispielrechnungen nachgehen.
Zwei Portfolios mit unterschiedlichen Rendite-Sequenzen
Zwei Aktienportfolios haben das identische Ziel: zwei 65?jährigen Rentnerinnen eine 20?jährige Ruhestandsphase zu finanzieren. Beide Depots haben die gleichen Voraussetzungen - 150.000 Euro Vermögen, geplante Ausschüttungen von 12.000 Euro jährlich und eine jährliche Rendite von beachtlichen 10 Prozent über 18 Jahre. Es treten allerdings zwei Crashs von jeweils 20 Prozent in zwei Jahren auf. Der einzige Unterschied zwischen den Portfolios: Die Crashs treten zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf - mit gravierenden Folgen, wie wir sehen werden.
Das erste Portfolio wird gleich im ersten Ruhestandsjahr getroffen: Aus 150.000 Euro werden nach dem 20-Prozent-Crash und der ersten Entnahme 108.000 Euro. Ab Jahr zwei läuft das Portfolio wieder mit plus 10 Prozent pro Jahr, aber nur bis zum fünften Jahr. Beim zweiten Crash reduziert sich das Vermögen auf 71.200 Euro. Ab dann hat das Portfolio keine Chance mehr. Portfolio 1 macht nach gerade einmal 14 Jahren schlapp, wie die untere Tabelle zeigt.
Jahr Anfangswert in Euro Rendite in Prozent Rendite in Euro Endwert nach Entnahme in Euro
1 150.000 -20 -30.000 108.000
2 108.000 10 10.800 106.800
3 106.800 10 10.680 105.480
4 105.480 10 10.548 104.028
5 104.028 -20 -20.805,60 71.222,40
6 71.222,40 10 7122,24 66.344,64
7 66.344,64 10 6634,46 60.979,10
8 60.979,10 10 6097,91 55.077,01
9 55.077,01 10 5507,70 48,584.71
10 48,584.71 10 4858,47 41.443,19
11 41.443,19 10 4144,32 33.587,51
12 33.587,51 10 3358,75 24.946,26
13 24.946,26 10 2494,63 15.440,89
14 15.440,89 10 1544,09 4984,98
15 4984,98 10 498,50 -7516,52
Die Halterin von Portfolio 2 hat es dagegen gut. Ihr Depot wächst in den ersten Jahren - trotz Entnahme. Nach einem Jahr steht das Portfolio bei 156.000 Euro, nach vier Jahren bei knapp 164.000 Euro. Im fünften Jahr reduzieren Crash und Entnahme das Vermögen auf 119.000 Euro. Aber die Aktienrendite von 10 Prozent pro Jahr kompensiert die nachfolgenden Entnahmen weitgehend - jedoch nur bis Jahr 15. Das Portfolio fällt von 118.700 auf 83.000 Euro zu Beginn des 16. Jahres. Ab dann schlagen die Entnahmen ins Kontor. Aber immerhin: Am Ende des 20. Jahres verbleiben 24.000 Euro im Depot. Mission erfüllt? Ja, aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Dazu unten mehr.
Halten wir zunächst fest, dass die Unterschiede zwischen den beiden Szenarien gravierend sind. Die Rentnerin im Beispiel 1 muss sich mit 80 Jahren auf Jobsuche begeben. Das ist bitter. Hat also Rentnerin Nummer zwei alles richtig gemacht? Mitnichten. Sie hatte schlicht Glück, dass ihr Aktienportfolio nicht frühzeitig unter die Räder kam. Und sollte sie älter als 86 oder 87 Jahre alt werden, müsste auch sie sich auf Jobsuche begeben. Insofern hat Portfolio 2 die Minimalanforderung erfüllt und 20 Jahre durchgehalten, aber was ist, wenn das Geld weitere zehn Jahre reichen muss?
Der Hinweis auf das Sequenzrisiko ist wichtig. Es macht einen enormen Unterschied, wann Verluste am Kapitalmarkt Einkommensportfolios treffen. Aber weil auch späte Verluste schmerzhaft sind, gilt es, Portfolios eine so solide Struktur zu verpassen, dass die Sequenzrisiken systematisch minimiert werden, ohne die Renditechancen zu stark zu mindern.
Ein tragfähiges Einkommensportfolio setzt nicht auf eine einzelne Anlageklasse. Wer Aktien während des Ruhestands treu bleibt, ist auf der richtigen Spur. Aber die Dosis macht bekanntlich das Gift, wie auch unsere Analyse gezeigt hat. Anleihen sind wegen der deutlich niedrigeren Verlustrisiken eine wichtige Ergänzung von Aktienrisiken. Voraussetzung ist allerdings, dass sie mehr abwerfen als Tagesgeld und Bundesanleihen.
Unternehmensanleihen und höher rentierliche Kreditstrategien bei möglichst kurzen Laufzeiten pimpen die Anleihen-Performance, ohne Anlegende allzu hohen und konzentrierten Kapitalmarktrisiken auszusetzen.
Eine auskömmliche Rendite ist nicht ohne höhere Schwankungen zu haben. Daher sollten Anlegende auch im Alter auf Aktien setzen - ohne es allerdings zu versäumen, ihren Ruhestandsportfolios die nötige, tragfähige Struktur zu geben.
Von Ali Masarwah, 23. Februar 2026, © envestor.de
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)