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Deutsche Börse-News: "Moden kommen und gehen, auch an der Börse"

30.03.2026
um 16:05 Uhr

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Roger Peeters warnt vor überzogenen Trends am Beispiel der Rüstungsaktien, die erst stark gemieden und jetzt ebenso stark nachgefragt werden. Beide Richtungen könnten übertrieben sein.

30. März 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Kurz vor dem Ultimo März dürfte feststehen, dass das erste Quartal des Jahres 2026 an der Börse mit deutlichen Verlusten einherging. Wesentlich durch den Krieg im Iran mitsamt seinen immensen Auswirkungen auf Energiepreise, Versorgungssicherheit, Inflation etc. bedingt, gab es einen breiten Ausverkauf. Und dies nicht nur in der Risikoanlageklasse Aktie. Auch vermeintlich sichere Häfen wie Staatsanleihen und sogar Gold kamen unter Druck. 2026 wird, zumindest scheint es so nach bisherigem Verlauf, ein schwieriges Jahr an der Börse.

Vor diesem Hintergrund muss man für Börsenneulinge einiges Schlechtes erwarten. Schon in den (von steigenden Kursen geprägten) Vorjahren war das Umfeld für IPOs schwierig, entsprechend wenig Unternehmen fanden den Weg an den Kapitalmarkt. Nun wäre ein völliges Verstopfen der IPO-Pipeline eine wenig überraschende Konsequenz. Dem scheint aber nicht so, erste Emissionen liefen gut an, wurden ordentlich nachgefragt und hatten erfolgreiche Debüts. Eine ausgemachte Schwäche mit zahlreichen Verschiebungen und Absagen habe ich nicht wahrgenommen.

Was ist das Geheimnis hinter diesem Erfolg? Ganz einfach. Alles, was seinen Weg an den Markt findet, ist wesentlich dem Rüstungssektor zuzuschreiben. Eine Industrie, die angesichts der laufenden Kriege in der Ukraine und nun auch im Iran eine Sonderkonjunktur erlebt. Zudem wird der Sektor, nachdem er vor Jahren noch aus ethischen Gründen über strenge ESG-Regeln praktisch geächtet war, auf einmal unproblematisch gesehen. Die Auswirkungen sind immens, wie ein Beispiel gut illustriert.

Der Börsenneuling Vincorion, der Energie-, Leistungs- und Stabilisierungssysteme für sicherheitskritische Anwendungen etwa in Luftfahrt und Verteidigung produziert, zeigt die gewandelte Attitüde der Anlegerschaft sehr anschaulich. Der Konzern, der nun erfolgreich gelistet wurde, war schon mal indirekt börsennotiert, denn er war eine Geschäftseinheit der gelisteten Technologieholding Jenoptik. Der zurzeit im MDAX notierte Konzern Jenoptik fand im November 2021, also wenige Monate vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, mit der Private-Equity-Gruppe STAR Capital einen Käufer, abgeschlossen wurde die Veräußerung zum 30. Juni 2022.

Die Details lassen aufhorchen, insbesondere aus heutiger Sicht: Damals lag der Equity Value "im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich" zzgl. Pensionsverpflichtungen und Earn-Outs. Der Enterprise Value lag bei 130 Mio. Euro. Zum Vergleich: Nach dem Börsenstart in 2026 kam Vincorion in der Spitze auf knapp 1 Mrd. Euro reinen Börsenwert. Ganz wertungsfrei ein imposanter Erfolg für STAR Capital und die Anteilseigner in den Fonds. Neben der Wertschöpfung in der Vincorion-Gruppe und den bekannten geopolitischen Umständen erscheint mir die bereits erwähnte Veränderung der Anleger-Attitüde relevant. Zur Erinnerung: Nach dem erfolgten Closing ließ sich der damalige Jenoptik CEO wie folgt zitieren: "Darüber hinaus erfüllen wir mit dem Verkauf von Vincorion nun auch ein wichtiges Kriterium für den potenziellen Einstieg von ESG-orientierten Anlegern"

Genau dieser Aspekt ist interessant. Waren vor einigen Jahren auf dem Parkett (maßgeblich durch externe Kräfte wie Regulierer und NGOs getrieben) immer mehr Anleger der Auffassung, dass Rüstungsaktien oder Firmen mit Rüstungsbeteiligungen absolute No-Go sind und entsprechend gemieden werden müssen, wurde diese Einordnung in den vergangenen Jahren komplett "auf links gedreht". Rüstung gilt mittlerweile bei vielen Marktteilnehmern als ESG-konform. Mittlerweile gibt es wenige Industrien, denen der Kapitalmarkt so hohe Multiples zubilligt. Auf diesen Sektor spezialisierte Fonds hatten in den vergangenen Jahren massive Mittelzuflüsse und waren ihrerseits mitverantwortlich für die fulminante Nachfrage nach Rüstungswerten auf dem Börsenparkett.

Ich kann und will hier nicht den konkreten Fall Vincorion beurteilen, Verkäufer und Käufer hatten sicher immer nachvollziehbare und konsistente Motive. Ebenso wenig möchte ich an dieser Stelle Einschätzungen zu den genannten Aktien treffen. Ich möchte die dramatische Wertveränderungen, oder besser gesagt Preisveränderungen, jedoch zum Anlass nehmen, eine gewisse Besonnenheit auf der Anlegerseite anzuregen. Wenn bestimmte Sektoren ganz massiv gewertet werden, dass man in sie unbedingt investieren muss oder sie halt unbedingt gemieden werden müssen, kann es schnell passieren, dass auch die Preise überzogen hoch oder niedrig sind. Das ist oft mehr Zeitgeist als fundiert. Vergessen sollte man dabei nicht: Moden kommen und gehen, auch an der Börse.

Von Roger Peeters, 30. März 2026, © pfp Advisory

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)