Medienmanager Welte warnt vor 'KI-Paranoia' oder 'KI-Euphorie'
BERLIN (dpa-AFX) - Der Vorstandsvorsitzende des Medienverbands der freien Presse (MVFP), Philipp Welte, hat im Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu mehr Gelassenheit aufgerufen. "Mein Eindruck ist, dass wir in unserer Branche in der Beurteilung von KI zu sehr zwischen Paranoia und Euphorie pendeln", sagte Welte im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Keines von beidem halte ich für gerechtfertigt." Der Beginn der Wertschöpfung der Branche bleibe der menschliche Gedanke. Technologie helfe dabei, das zu verarbeiten, aber sie ersetze nicht den Menschen.
Welte war bis Ende 2025 im Vorstand des Münchner Medienkonzerns Burda. Der 64 Jahre alte Journalist gilt als einer der Vordenker der europäischen Medienbranche.
Mit Blick auf die Debatte um den Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU), dem vorgeworfen wird, mehrere Reden und Gastbeiträge mit Hilfe von KI erstellt zu haben, sagte Welte, Voigt sei seiner Verantwortung für den veröffentlichten Text "ganz offensichtlich nicht gerecht geworden". Es seien falsche Zitate veröffentlicht worden. Die Entscheidung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), einen Gastbeitrag Voigts zu depublizieren, sei deshalb "absolut korrekt" gewesen.
Die eigentliche Herausforderung für die Medienbranche sieht Welte allerdings an anderer Stelle. Suchmaschinen würden ihren Nutzern mit Hilfe von KI-Systemen Antworten liefern, die auf journalistischen Inhalten basierten. "Und die Reichweiten, die heute über KI-generierte Antworten von Google zu unseren journalistischen Angeboten zurückfinden, liegen im Promillebereich." Das stelle die Refinanzierung journalistischer Inhalte grundsätzlich infrage.
Welte gibt Ende Juni den Vorsitz des Medienverbands der freien Presse (MVFP) ab. Der MVFP ist der größte Zeitschriftenverleger-Verband Europas. Er vertritt rund 350 Verlage. Zu seinen letzten großen Initiativen zählt der sogenannte Berliner Appell, mit dem die Verlage bessere Rahmenbedingungen für Journalismus in der digitalen Welt fordern. Die Politik müsse die wirtschaftliche Lage vieler Medienhäuser und die Folgen für unabhängigen Journalismus ernster nehmen, sagte Welte. Digitale Märkte würden heute von wenigen internationalen Plattformen dominiert./svv/gö/DP/jha