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Deutsche Börse-News: "Halbzeit 2026 - Diagnosen und Szenarien für die 2. Hälfte"

29.06.2026
um 15:21 Uhr

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Aktien sind wieder nahe ihrer Rekordhochs, der Ölpreis ist deutlich gefallen, Anleihenrenditen fallen wieder - derweil befinden sich die meisten Anlegenden noch unter dem Einfluss der Polykrisen. Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, lässt einige Trends des ersten Halbjahres an der Börse Revue passieren und wagt einen Blick nach vorn.

29. Juni 2026. FRANKFURT (envestor). Es ist fast Halbzeit an den Märkten, und wir wollen nicht die Verlängerung abwarten für einen kleinen Rückblick und den damit verbundenen Ausblick. Es ist auch 2026 anders gekommen, als Anlegerinnen und Anleger gedacht haben. Nicht zwingend, was die nackten Zahlen anbelangt. Dass der MSCI World auf Euro Basis bis Freitag um gut 11,5 Prozent zugelegt hat und der breite Euro Rentenmarkt in diesem Jahr um knapp 1,5 Prozent stieg, hätte niemanden zu Jahresanfang überrascht - die Auguren hatten mit freundlichen Aktienmärkten und einem passablen Bond Jahr gerechnet. Sechs Monate und eine saftige Polykrisen-Scheibe später reibt sich der verwunderte Beobachter die Augen. Ungeachtet der Turbulenzen an den Märkten sind viele Anleger bzw. ihre Portfolios mit dem Schrecken davongekommen. Wie geht es in der zweiten Jahreshälfte weiter? Was benötigen Portfolios, um gut aufgestellt zu sein? Einige Thesen zur Jahresmitte:

1. Diversifikation hat schlechter funktioniert, als es den Anschein hat

Auch wenn viele das nicht mitbekommen haben, sind klassische Mischportfolios zum zweiten Mal in nur wenigen Jahren gleich doppelt in die Zange genommen worden: Als steigende Energiepreise mit Beginn des Irankriegs Inflationsängste geschürt haben, sind Aktien und Anleihen im Tandem gefallen. Im März sackte der MSCI World auf Euro Basis um gut 4 Prozent ab, der Bloomberg Euro Aggregate Bond verlor gut 2,5 Prozent. Zudem brach der Goldpreis um fast 10 Prozent ein. Die Rückkehr der Inflation hatte keiner Anfang des Jahres auf dem Radar.

Noch ist die Lage am Persischen Golf nicht bereinigt, und für klassische Mischportfolios ist der immer häufigere Zusammenbruch klassischer Aktien-Renten-Korrelationen in den vergangenen Jahren zu Recht beunruhigend. Auch wenn der Ölpreis bisher im Juni deutlich gefallen ist, sind Anleger gut beraten, breit gestreuten Rohstoffkörben einen zweiten Blick zu schenken. Der Goldpreis mag seit Februar stark gefallen sein, hat sich aber seit Anfang 2024 verdoppelt. Das altehrwürdige Edelmetall zeigte in den vergangenen sechs Monaten die Eigenschaften einer Meme-Aktie, weshalb seine Verlässlichkeit als Inflationsabsicherung unter Generalverdacht steht.

2. Favoritenwechsel im KI-Trade - der noch immer überall ist

Auch wenn die Befürchtungen über die Folgen der KI-Bubble gelegentliche Rücksetzer am US-Markt verursachen, funktioniert der KI-Trade. Er gibt sich 2026 nur chamäleonhaft. Aktuell steht "Compute", also die Rechenleistung, im Vordergrund. Gewinner sind Chip-Hersteller wie Micron, Samsung und SK Hynix. Die Hyperscaler finden sich heute eher auf der Verliererseite. Die Microsoft-Aktie brach in den ersten sechs Monaten um gut 23 Prozent ein, Meta verlor bisher gut 13 Prozent, Amazon knapp 10 Prozent, Alphabet um 8,5 Prozent. Selbst Nvidia liegt mit 6,5 Prozent im Minus. Für die als akut disruptionsgefährdet angesehenen Software-Firmen entpuppt sich 2026 sogar als regelrechter Alptraum. Diese Turbulenzen haben dazu geführt, dass Tech-Aktien in der Breite kein Durchmarsch gelingt.

Quality Aktien haben bisher mies performt? Momentum sticht erneut? Auch das ist teilweise eine Folge des KI-Trades. Die Hyperscaler sind immer noch Quality-Aktien. Wenn sie verlieren, geraten auch Quality-Indizes bzw. -ETFs unter die Räder. Momentum funktioniert indes, weil Hyperscaler schon länger nicht mehr die ganz großen Zugpferde sind. Übrigens werden die bisher eher Tech-armen Rentenindizes wegen der zunehmenden Verschuldung der US-Plattformen immer technologielastiger. Im Gegensatz zu den Befürchtungen über eine Korrektur bei KI-Aktien begrüßen Anleiheinvestoren die Emissionswelle bei Bonds. Die Hyperscaler müssen wegen der horrend hohen KI-Investitionen Schulden aufnehmen und dabei ordentliche Renditeaufschläge zahlen. Aktienanleger zittern vor der Korrektur, Rentenanleger freuen sich über viele Euro Emissionen. Passend dazu:

3. Der Zinsmarkt ist eine sichere Bank

Einige Anleger fühlten sich im März dieses Jahres wie auf einer Zeitreise - der Verlust von 2 bis 3 Prozent bei Euro-Anleihen erinnerte an das Jahr 2021, als der Rentenmarkt zu bröseln begann, bevor im Jahr 2022 der Jahrhundert-Crash die Bond Märkte ereilte. Sofern uns kein Inflationsschock bevorsteht, und dafür gibt es keine Anzeichen, werden die Rentenmärkte aller Voraussicht nach in diesem Jahr ungeachtet dieses Wacklers stabil bleiben. Zum einen ist der Zinssockel auskömmlich. Das verschafft Anleihenportfolios Solidität im Sinne von robustem Fundament.

Das bedeutet nicht, dass es sich jetzt lohnt, "all in" bei langlaufenden Anleihen zu gehen. Da die EZB voraussichtlich noch ein wenig an der Zinsschraube drehen wird, dürften kürzer laufende Anleihen auskömmliche Renditen bringen, wobei Unternehmensanleihen Staatsanleihen vorzuziehen sind. Wer das Risiko nicht scheut, könnte bei hochrentierlichen Anleihen aus den Emerging Markets fündig werden - hohe Kupons, ein immer liquideres und breiter werdendes Universum und solide Fundamentaldaten machen diese Papiere immer mehr zu unverzichtbaren Bausteinen breit investierter Portfolios.

4. Die ersten Hype-Krüge brechen

Ein Trend ist dann ein Trend, wenn alle erkannt haben, dass es ein Trend ist. Dann sind die Kurse bereits weit fortgelaufen, und die Korrekturgefahr steigt. Die Rede ist von Rüstungs-ETFs. Die Rheinmetall-Aktie ist in diesem Jahr um 40 Prozent eingebrochen, und auch branchenweit korrigieren die Kurse, egal, ob es um klassische Rüstungskonzerne oder um "Innovative Defense" geht. Die Bewertungen werden schlicht als zu hoch angesehen, und wenn die Nachfrage die Produktionskapazitäten - Trumps Irankrieg steht hier Pate - so weit überschreitet, dass die Visibilität künftiger Gewinne schwindet, stützt das nicht die Kurse. Vielleicht werfen Sie ja mal einen Blick auf Pharma- und Med-Tech, zwei Sektoren, die in den vergangenen Jahren kaum jemanden hinter dem Ofen hervorgelockt haben? Hier zeichnet sich ein spannender Trendwechsel ab.

5. Emerging Markets - Comeback without Limits?

Das Schöne an Schwellenländern ist, dass sie kaum jemand beachtet. Die Fixierung von Anlegern auf US-Tech-Plattformen bzw. US-Standardwerte hat dazu geführt, dass die signifikante Outperformance von Schwellenländer-Aktien im vergangenen Jahr weitgehend unbeachtet geblieben ist. Auch in diesem Jahr ist wenig die Rede von Schwellenländer-Aktien. Zu Unrecht: Der MSCI Emerging Markets hat bisher 2026 um rund 30 Prozent zugelegt. Innerhalb typischer Schwellenländer-Portfolios gibt es zudem Unwuchten: Lateinamerika und Osteuropa sind dort kaum vertreten, es dreht sich alles um Asien. Aktien aus dem globalen Süden sind also stark vernachlässigt, und innerhalb dieser Gruppe gibt es besonders ungeliebte Kinder. Zu denen zählen auch Frontier-Märkte, die mit einstelligen KGVs locken.

Von Ali Masarwah, 29. Juni 2026, © envestor.de

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)