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Deutsche Börse-News: "Das KI-Zeitalter steht erst am Anfang"

21.07.2026
um 18:23 Uhr

FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Angesichts des KI-Hypes mahnt Fondsmanager Christoph Frank zur Vorsicht und zieht eine Parallele zum Internethype der Jahrtausendwende: Die Gewinner des KI-Zeitalters sind aus seiner Sicht heute noch völlig unbekannt.

21. Juli 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). KI ist in aller Munde - und zwar wirklich. Egal, ob berufliche Zusammenkünfte oder private Treffen: Früher oder später kommt das Gespräch darauf, wie ich es selbst mit der Künstlichen Intelligenz halte und vor allem, welche Aktien davon am meisten profitieren. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn ich Warnhinweise einstreue, dass wir das zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich wissen können.

Das ist keine Ausrede, sondern meine feste Überzeugung. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Gegensatz zu den meisten Gesprächspartnern vor einem Vierteljahrhundert den Hype um das Internet live und mit eigenem Geldeinsatz miterlebt habe. Seitdem bin ich noch demütiger, was mein eigenes "Wissen" und meine Prognosefähigkeiten betrifft.

Auf die Börse gemünzt: Niemand weiß heute, wie das Ökosystem "Künstliche Intelligenz" in fünf Jahren aussehen bzw. funktionieren wird. Was werden die relevanten Erfolgsfaktoren sein? An welchen Stellen der (heutzutage teilweise noch nicht bekannten) Wertschöpfungskette wird der Gewinn entstehen und bei welchen Firmen wird er landen? Welche Geschäftsmodelle werden überhaupt tragfähig sein, welche (analog den vielen gehypten Internetfirmen zur Jahrtausendwende) im Orkus verschwinden?

So mancher vermeintlicher "No-Brainer" der Internetmanie entpuppte sich schon bald als Rohrkrepierer. Ja, das Internet veränderte tatsächlich die Welt. Für manche Aktiengesellschaften wurde es sogar ein tolles Geschäftsmodell. Aber nicht unbedingt für die Konzerne, die viele Anlegerinnen und Anleger 1999/2000 auf dem Schirm hatten: Die großen Telekom-Firmen bzw. Netzbetreiber, die zur Jahrtausendwende zu den wertvollsten Firmen der Welt gehörten und um die herum sogar Kinofilme gestrickt wurden (e-m@il für dich, AOL), waren es entgegen den Erwartungen schon mal nicht.

Statt Deutsche Telekom, Vodafone, AOL Time Warner und AT&T hießen die wahren Gewinner z. B. Amazon, Google, heute Alphabet, und Facebook, heute Meta - letztere kamen übrigens erst 2004 bzw. 2012 an die Börse. Auch die Medien-Platzhirsche aus der alten Welt (das "M" im damals gehypten Kürzel "TMT") gehörten überwiegend nicht zu den Profiteuren. Stattdessen kamen sie durch gänzlich neue, 2000 noch nicht absehbare Geschäftsmodelle wie "Soziale Medien", digitale Werbeanzeigen oder Influencer gehörig unter Druck.

Wer hat das so vor einem Vierteljahrhundert vorhergesagt? Ich kenne niemanden, dem das wenigstens halbwegs gelungen wäre, weder aus der Finanzbranche noch aus dem IT-Bereich, schon gar nicht aus der Marktforschung oder bei den "Zukunftsforschern". Sie alle lagen mehr oder weniger klar daneben.

Trotzdem versuchen sie bzw. ihre Nachfolger, heute analoge Vorhersagen über das kommende KI-Zeitalter zu verkaufen. Noch vor weniger als zwei Jahren galten Softwarefirmen als hui und Hardware-Hersteller als pfui. Mittlerweile ist es genau umgekehrt: Viele Software-Aktien sind seit Anfang 2025 auf Talfahrt; selbst renommierte und noch vor kurzem als unangreifbar geltende Firmen wie SAP oder Salesforce kommen heute nur noch auf den halben Börsenwert im Vergleich zu den Hochs vor eineinhalb Jahren. Im Gegenzug haussierten 2026 ausgerechnet Halbleiteraktien, die früher geradezu als Inbegriff hochzyklischer und erratischer Kursbewegungen verschrien waren. Und die "Magnificent Seven", bis 2025 noch die scheinbar unbesiegbaren Rally-Zugpferde, sind im bisherigen Jahresverlauf 2026 überwiegend nur noch Mitläufer.

Die Liste offener Fragen ließe sich fortsetzen. Ist die Cloud, noch vor wenigen Jahren Sehnsuchtsort, im KI-Zeitalter ein lukratives oder vielleicht doch nur ein kapitalintensives Geschäft? Welche KI-Anwendungen werden reüssieren? Werden autonome Agenten und humanoide Roboter wirklich das nächste große Ding? An welchen Stellen des KI-Ökosystems werden die Gewinne sprudeln, wo eher Dürre herrschen? Und welche Geschäftsmodelle werden in den kommenden Jahren entstehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können?

Viele Fragen sind aus heutiger Sicht nicht zu klären. Die KI-Welt entwickelt sich noch, und das hoch dynamisch und manchmal mit Ausstrahlung auf Bereiche, die auf den ersten Blick nicht im Fokus stehen, wie z. B. Medizin oder Chemie (Stichwort KI-basierte Entwicklung von Medikamenten bzw. Chemikalien). In so einer sich schnell wandelnden Umgebung halte ich es für sinnvoll, als Investor flexibel zu bleiben, das eigene Wissen und die eigenen Prognosefähigkeiten nicht zu überschätzen und sich nicht auf ein bestimmtes Szenario zu versteifen. Und sich ggf. zügig einzugestehen, wenn die KI-Welt sich anders entwickelt als erwartet, und vor allem die eigene Positionierung dann auch schnell anzupassen. Und nicht zuletzt: Skeptisch gegenüber all jenen zu bleiben, die glauben, sie würden die Welt von morgen schon heute kennen.

Von Christoph Frank, 21. Juli 2026, © pfp Advisory

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)