dpa-AFX Compact

ROUNDUP/Agrarhandels-Experten: Vorerst kein Preissprung im Supermarkt

24.07.2026
um 13:46 Uhr

BERLIN/HAMBURG (dpa-AFX) - Die steigenden Getreidepreise infolge des Krieges zwischen Russland und der Ukraine dürften aus Sicht von Agrarhandels-Experten vorerst keine Preissprünge bei Lebensmitteln auslösen. "Für Verbraucher bedeutet die aktuelle Entwicklung zunächst keinen unmittelbaren Preissprung im Supermarkt", heißt es beim Bundesverband Agrarhandel und Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse.

"Hält das erhöhte Preisniveau jedoch über einen längeren Zeitraum an, können die zusätzlichen Kosten schrittweise an den Markt weitergegeben werden", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Agrarhandels-Verbandes, Stephanie Kröger. Besonders betroffen wären demnach Produkte, in denen Getreide direkt oder indirekt über Futtermittel eine Rolle spiele, etwa Brot- und Backwaren, Fleisch- und Milchprodukte sowie verarbeitete Lebensmittel.

Sowohl der Einzelhandel als auch große Bäcker kaufen Mehl für viele Monate ein. "Die Preisentwicklungen an den Getreidebörsen kommen damit über die Jahre gesehen gedämpft im Supermarkt an", heißt es beim Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS.

"Kein Versorgungsproblem für Deutschland"

Wann Getreidepreissteigerungen in den Supermarktregalen ankommen, hänge von den produktspezifischen, sehr unterschiedlichen Verarbeitungs- und Lieferketten ab. "Ein Versorgungsproblem für Deutschland sehen wir nicht. Selbst dann nicht, wenn sich die aktuelle Lage rund um das Schwarze Meer deutlich verschärfen sollte", betont VGMS-Geschäftsführer Peter Haarbeck.

Unabhängig von den Preisentwicklungen an den Börsen sei die Versorgung mit Brotgetreide hierzulande zu sehen. Deutschland sei Selbstversorger bei Weizen und Roggen. "Auch wenn die aktuelle Ernte schlechter ausfallen wird als noch im Frühjahr vorhergesagt, bleibt es dabei, dass der Bedarf der Mühlen auch in diesem Jahr aus Deutschland heraus gedeckt werden kann", so Haarbeck.

Neben den Weizenpreisen steigen auch die Maispreise

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine treibt die Getreidepreise aktuell in die Höhe. Grund ist eine mögliche längere Unterbrechung der Handelsströme aus beiden Ländern. Neben den Weizenpreisen steigen auch die Maispreise.

Eine Blockade nicht nur des ukrainischen, sondern auch des russischen Schiffsverkehrs im Schwarzen Meer könnte die Getreidepreise weiter antreiben. Über das Asowsche Meer gehen etwa 25 Prozent der russischen Getreideexporte. Bei Weizen haben Russland und die Ukraine einen Anteil an den weltweiten Exporten von 25 bis 30 Prozent, bei Mais etwa 11 Prozent.

Preise können Bauern helfen - aber nicht automatisch mehr Gewinn

"Die Märkte preisen derzeit vor allem Unsicherheit ein", sagt Agrarhandels-Expertin Kröger. "Die Schwarzmeerregion bleibt für die weltweite Getreideversorgung so wichtig, dass bereits die Sorge vor Störungen ausreicht, um die Preise deutlich nach oben zu bewegen." Höhere Getreidepreise könnten Landwirten helfen, führten aber nicht automatisch zu höheren Gewinnen, weil auch die Kostenbelastung vieler Betriebe hoch bleibe.

Ähnlich äußert sich der Deutsche Bauernverband. "Die anziehenden Weizenpreise gleichen die Kostensteigerungen und niedrige Erntemengen nicht aus", sagt Verbands-Präsident Joachim Rukwied. Die Landwirtschaft stehe ökonomisch weiter stark unter Druck. "Angesichts der hohen Dieselkosten brauchen wir dringend eine Steuerreduktion", fordert Rukwied.

Für die Verarbeiter und den Handel in Deutschland steigen Kröger zufolge mit höheren Rohstoffpreisen auch die Beschaffungskosten. Betroffen seien unter anderem Mühlen, Mischfutterhersteller, Lebensmittelproduzenten sowie Tierhalter. Das erhöhe den Kostendruck entlang der Wertschöpfungskette.

Markt anfällig für deutliche Preisschwankungen

Für die weitere Entwicklung wird laut Kröger entscheidend sein, ob die Handelsströme aus der Schwarzmeerregion weitgehend aufrechterhalten werden können. Solange die geopolitische Unsicherheit anhalte, bleibe der Markt anfällig für deutliche Preisschwankungen. "Eine dauerhafte Versorgungskrise zeichnet sich derzeit zwar nicht ab, die Volatilität an den Märkten dürfte jedoch hoch bleiben", sagt die Expertin.

Nach Darstellung der Verbandes VGMS reagieren die Börsen noch verhalten. Die weitere Entwicklung hänge davon ab, wie es in rund einem Monat aussehe. Ein Blick auf die Notierungen an der Matif in Paris, der wichtigsten Börse für die Agrarbranche für Europa, zeigte für Kontrakte für September 2027 niedrigere Preise als für September 2026: "Die Marktteilnehmer schätzen die Lage aktuell also offenbar nicht nachhaltig kritisch ein."/sl/DP/stw