LEIPZIG/KABELSKETAL/FÖRDERSTEDT (dpa-AFX) - Sie gelten in der Energiebranche als ein entscheidendes Bindeglied für die Wende zu Erneuerbaren: Große Batteriespeicher werden künftig zentral, wenn immer mehr Kohlekraftwerke vom Netz gehen und Solaranlagen und Windräder gerade keinen Strom liefern. Sie können helfen, Schwankungen im Netz auszugleichen und den Strompreis zu stabilisieren, glauben Experten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg.
Ein in dieser Woche von den Forschenden veröffentlichter Strompreissimulator zeigt: Je mehr Speicherleistung am Netz ist, desto seltener kommt es zu Preisspitzen an der Strombörse. Die Zahl besonders teurer Stromstunden verringert sich. In Ostdeutschland, wo besonders viel Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird, ist das Thema deshalb auch ein Schwerpunkt beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig.
"Tsunami" an Anträgen - Investoren drängen auf Speichermarkt
Die Betreiber der Riesen-Batterien verdienen ihr Geld damit, den Strom aus dem Netz zu ziehen, wenn er billig ist und ihn abzugeben, wenn der Preis steigt. Viele Investoren wittern gute Geschäfte. Die Folge: Der Markt boomt. Beim ostdeutschen Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom ist die Nachfrage nach Netzanschlüssen entsprechend groß. Das Unternehmen verzeichnete bis Mitte September nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Speicheranmeldungen.
Geschäftsführer Lutz Eckenroth sprach von einem "Tsunami" an Anträgen und einer "Goldgräberstimmung" bei Großspeichern. Teils verdienen Spekulanten mit dem Weiterverkauf von Anschlussrechten. Ein zusätzlicher Treiber ist aus Sicht von Eckenroth das Auslaufen der Netzentgeltbefreiung: Anlagen, die bis 2029 in Betrieb gehen, sind nach geltender Rechtslage 20 Jahre von Netzentgelten befreit.
Die Regelung war ursprünglich für Pumpspeicherkraftwerke gedacht. Nun aber profitieren Batterieinvestoren. Wer das nutzen will, muss seine Anlagen ans Netz bringen und deshalb jetzt "Gas geben", sagte Mitnetz-Chef Eckenroth.
Speicher-Pionier Eco Stor: Viele Projekte werden nie ans Netz gehen
Zu den Pionieren der Branche zählt Eco Stor. Das Münchner Unternehmen baut im sachsen-anhaltischen Förderstedt einen bislang beispiellosen Großspeicher. Auf einem Feld direkt neben einem Umspannwerk reihen sich unzählige weiße Batteriecontainer aneinander. Hier entstehen 300 Megawatt Leistung und eine Speicherkapazität von 700 Megawattstunden. Rund 500.000 Haushalte könnten von hier aus rein rechnerisch für zwei Stunden mit Strom versorgt werden. Doch so weit wie Eco Stor sind längst nicht alle Vorhaben.
Geschäftsführer Georg Gallmetzer ist sich sicher: Der Markt wird nicht wie bisher weiterwachsen können. Die Nachfrage nach Anschlüssen übersteige das Angebot derzeit bei Weitem. "Neun von zehn Megawatt", die derzeit beantragt worden sind, werden nie ans Netz gehen, glaubt der Unternehmer. Das zeigen auch Zahlen des Netzbetreibers Mitnetz: Bis Ende vergangenen Jahres habe das Unternehmen 33 Großspeicher ans Netz genommen. Im gleichen Zeitraum wurden 2.500 der beantragten Vorhaben nicht umgesetzt.
Hinzu kommt: Je mehr Speicher am Netz sind, desto wenig werden sie sich wirtschaftlich rechnen. Denn gerade jene Preisschwankungen, mit denen die Anlagen heute das meiste Geld verdienen, werden dann immer geringer ausfallen. Gallmetzer erwartet daher eine Konsolidierung des Marktes.
Netzbetreiber reagieren mit flexiblen Verträgen und Regeln
Derzeit gehe es vor allem darum, die riesigen Speicher sinnvoll ins Netz einzubinden. Die Technologie, so der Speicher-Unternehmer, sei für die Netzbetreiber gewissermaßen "vom Himmel gefallen". Mitnetz-Geschäftsführer Eckenroth sagt: "Vor drei Jahren hat noch keiner über diese Riesen-Batteriespeicher gesprochen." In großer Anzahl könnten die Anlagen binnen kürzester Zeit riesige Strommengen aus dem Netz ziehen. Tun sie das gleichzeitig, könne das zum Problem für die Stabilität des Netzes werden.
Denn bislang orientieren sich die Speicherbetreiber vor allem am Börsenstrompreis. Doch wenn ein guter Strompreis winkt, kann das für das Netz vor Ort im falschen Moment passieren.
Das habe auch Eco Stor lernen müssen, berichtet Georg Gallmetzer. Gemeinsam mit Netzbetreibern der Eon
Auch Mitnetz stellt seine Zusagen zu Netzanschlüssen seit längerem unter den Vorbehalt solcher flexiblen Verträge, schildert Geschäftsführer Eckenroth. Für ihn ist klar: "Wir werden diese Batteriespeicher brauchen in der zukünftigen Energieversorgung." Doch während die Speicherbranche gerade explodiere und die Anlagen schnell errichtet seien, brauche der Netzausbau mehr Zeit. Beim Bau neuer Hochspannungs-Freileitungen vergingen nicht selten zehn Jahre von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme. "Das passt natürlich nicht zu solchen dynamischen Märkten."
Stromanbieter Octopus Energy: Netz derzeit nicht ausgelastet
Hier zeigt sich für Gallmetzer die paradoxe Situation der Speicherbranche. Wegen knapper Kapazitäten aufgrund des schleppenden Netzausbaus fehlen der Branche aktuell ausreichend Kapazitäten für Anschlüsse. Doch wären mehr Speicher am Netz, könnte das womöglich den Ausbaubedarf verringern.
Noch weiter geht der Münchner Stromanbieter Octopus Energy. "Verteilnetze sind heute schätzungsweise weit unter 25 Prozent ausgelastet, das ist eine volkswirtschaftliche Verschwendung. Bevor teuer neue Netze gebaut werden, sollten die bestehenden besser genutzt werden", sagt Vorstandschef Bastian Gierull.
Das Unternehmen bietet flexible Stromtarife und Kleinstspeicher fürs Zuhause, um von günstigen Börsenpreisen zu profitieren. Doch das volle Potenzial könne erst genutzt werden, wenn alle im Netz die gleiche Sprache sprechen. Dann könnten Heimspeicher und E-Autos gemeinsam intelligent laden und liefern, so Gierull. Ein Baustein dafür sind etwa intelligente Stromzähler. Doch erst an rund sechs Prozent der 54 Millionen Messstellen in Deutschland seien die Geräte installiert, teilte die Bundesnetzagentur kürzlich mit.
Gallmetzer nennt die Netze und Speicher "strategische Verbündete". Derzeit aber seien sie eher "Ziemlich beste Freunde" scherzt er mit Verweis auf den französischen Kino-Hit über einen Pfleger und einen gelähmten Millionär. Es sei allerdings noch nicht ganz klar, "wer im Rollstuhl sitzt und wer ihn schiebt"./mse/DP/mis