TORONTO (dpa-AFX) - Ein falscher Tritt, ein reißendes Seil, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit: Auf fast 9.000 Metern Höhe kann jeder Fehler tödlich enden. Wenn sich Edmund Hillary (Tom Hiddleston) über eine gähnende Gletscherspalte hangelt oder Tenzing Norgay (Genden Phuntsok) in der dünnen Höhenluft nach Sauerstoff ringt, bleibt einem selbst zu Hause auf dem sicheren Sofa beinahe der Atem weg.
Mit dem Drama und Biopic "Tenzing", das bei Apple
Denn während der Neuseeländer Hillary nach dem Everest-Erfolg am 29. Mai 1953 zum internationalen Helden aufstieg, blieb sein nepalesisch-indischer Begleiter Tenzing lange vor allem eines: der Sherpa, der Helfer an seiner Seite.
Dabei war der erfahrene Bergsteiger ein gleichberechtigter Partner, ohne dessen Fähigkeiten die Expedition kaum erfolgreich gewesen wäre.
Mount Everest: Heiliger Berg statt Trophäe
Regisseurin Jennifer Peedom, die nach einer Reihe Abenteuerdokumentationen ("Sherpa", "Mountain") mit "Tenzing" ihr Spielfilmdebüt gibt, setzt für das Mount-Everest-Biopic Jahrzehnte vor dem historischen Gipfelsieg an.
Der kleine Tenzing wächst im Himalaya auf, hütet Yaks und beobachtet fasziniert die fremden Männer, die den höchsten Berg der Erde besteigen wollen. Einer von ihnen ist der britische Alpinist George Mallory (Johnny Flynn), dessen Expeditionen in den 1920er-Jahren Geschichte schrieben.
Für Tenzing ist der gewaltige Berg schon früh weit mehr als eine sportliche Herausforderung. Er nennt ihn Chomolungma, "Mutter der Welt". Während die Briten von Eroberung sprechen, begegnet er ihm mit Ehrfurcht und einer tiefen Spiritualität. Seine emotionale Beziehung zu Chomolungma bildet das Herzstück des Films - sie ist sein Antrieb.
Der lange Weg zur Anerkennung
Über Rückblenden verfolgt das Drama, das von Tenzing Norgays Sohn Norbu Tenzing mitproduziert wurde, den Weg des Sherpa vom mittellosen Jungen zum angesehenen Bergführer. Mit seiner Frau Dawa (Thinley Lhamo) zieht er nach Darjeeling, sucht Arbeit bei Expeditionen und muss sich seinen Platz mühsam erkämpfen. Denn selbst seine außergewöhnlichen Fähigkeiten schützen ihn nicht vor kolonialen Hierarchien.
Am stärksten ist der Film "Tenzing" - neben den imposanten Naturaufnahmen - dort, wo er sich ins Zwischenmenschliche wagt. Willem Dafoe spielt Expeditionsleiter John Hunt als britischen Offizier, der die Besteigung wie eine Militäroperation plant und die Sherpas ganz unten in der Rangordnung einsortiert. Tenzing, der als gleichwertiges Teammitglied gelten will, balanciert zwischen den Lagern: Er muss die Briten beschwichtigen und seine Leute bei der Stange halten, die sich gegen die körperliche Ausbeutung auflehnen.
Gegenseitiges Vertrauen und Kameradschaft
Genden Phuntsok - der bisher vor allem mit Rollen in gelobten Arthouse-Filmen bekannt wurde und am 27. Oktober 40 Jahre alt wird - verkörpert Tenzing mit Charme, sanftem Humor und eisernem Willen. Dem Schauspieler tibetischer Herkunft gelingt es, das innere Brennen für Chomolungma mit Blicken zu übermitteln.
Der britische Schauspieler Tom Hiddleston - vor allem bekannt als Loki in mehreren Filmen und der gleichnamigen Serien des Marvel-Universums - gibt Hillary als charismatischen wie pragmatischen Außenseiter, ohne die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Hauptfigur abzulenken. Zwischen den beiden stimmt die Chemie. Was sich langsam zu einer Kameradschaft aufbaut, beruht weniger auf großen Worten als auf gegenseitigem Vertrauen.
Dass die weiblichen Protagonistinnen wie Dawa und die Expeditionssekretärin Jill (Caitríona Balfe) dagegen weitgehend als Stichwortgeberinnen am Rand bleiben, verschenkt erzählerisches Potenzial, passt aber zur Storyline: Denn die eigentliche Hauptrolle spielt der Berg.
Wenn jeder Atemzug zur Herausforderung wird
Da der Ausgang der Expedition bekannt ist - die Tenzing und Hillary erreichten in der Realität den Gipfel am 29. Mai 1953 gegen 11.30 Uhr
-, kann Regisseurin Peedom auf künstliche Schockeffekte verzichten
und setzt stattdessen auf die unerbittliche Realität.
Kameramann Stefan Duscio fängt die monumentale Himalaya-Landschaft in überwältigenden wie bedrohlichen Bildern ein. Winzige Menschengestalten bewegen sich über schier endlose Schneekämme, Zelte flattern im Sturm, das Knirschen der Steigeisen und jeder keuchende Atemzug lassen die körperliche Tortur nahezu spürbar werden.
Letztendlich ist es die Zurückhaltung, die das Apple Original-Epos so kraftvoll macht. Die innere Verbundenheit des Nepalesen zu Chomolungma verleiht dem klassischen Bergsteigerdrama eine emotionale Dimension, die weit über den sportlichen Triumph hinausreicht.
Getragen von der spirituellen Tiefe der Sherpa-Kultur feiert "Tenzing" weniger den menschlichen Drang, Grenzen zu überwinden, sondern erzählt stattdessen von Demut gegenüber einer Natur, die sich nicht beherrschen lässt./mai/DP/zb