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HINTERGRUND: US-Zwischenwahlen könnten Sektoren und KI-Aktien aufmischen

31.10.2026
um 08:35 Uhr

NEW YORK (dpa-AFX) - Die Zwischenwahlen in den USA (Midterms) am Dienstag nächster Woche sollten laut Experten zuvorderst einzelne Sektoren des US-Aktienmarktes bewegen. Die große Richtung dürften im Prinzip weiter die grundlegenden Kurstreiber wie das generelle Gewinnwachstum der Unternehmen oder die Aussicht auf eine nicht zu straffe Zinspolitik der Notenbank vorgeben. Allerdings gibt es eine Ausnahme: Der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI), der viele Anleger euphorisiert hat, könnte durch die Midterms einen Dämpfer erhalten. Zudem dürften sich nach den Wahlen einzelne Stellschrauben der Wirtschaftspolitik ändern.

Am Dienstag werden unter anderem alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und etwa ein Drittel des Senats neu gewählt. Beide Kammern werden derzeit noch von den Republikanern von Präsident Donald Trump kontrolliert. Doch die Unzufriedenheit über dessen Amtsführung ist unter den Wählern gestiegen; ihnen machen die im Zuge des Iran-Krieges sowie der Zollpolitik gestiegenen Energie-, Lebensmittel- und Konsumgüterpreise zu schaffen.

Die US-Plattform für Prognosemärkte Kalshi sieht insofern eine Wahrscheinlichkeit von aktuell 91 Prozent dafür, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobern. Eine Rückgewinnung des Senats erscheint demnach zu 66 Prozent wahrscheinlich.

"In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Zwischenwahlen vor allem eine Abstimmung über die Person Trump", sagte Chefstratege Robert Greil von der Privatbank Merck Finck. Für Anleger wichtig sei aber vor allem, dass die Midterms die Erwartungen an Haushaltspolitik, Steuern, Regulierung, Handel, Inflation und Zinsen neu sortieren können. Für Investoren gelte daher: Nicht auf ein politisches Ergebnis wetten, sondern Portfolios so aufstellen, dass sie mehrere Szenarien aushalten.

Nach Auffassung von Juhi Dhawan, Makrostrategin beim Bostoner Vermögensverwalter Wellington Management, wäre aus Anlegersicht ein Erdrutschsieg der Demokraten, also die Mehrheit in beiden Kammern, von großer Bedeutung. Dann würde sich der Fokus vermutlich auf die Prioritäten der Demokraten verlagern, zu denen etwa Gesundheitsversorgung, bezahlbare Lebenshaltungskosten und Aspekte der Energiewende gehörten.

Sollte zudem das Infrastrukturgesetz verlängert oder überarbeitet werden, könnten die Demokraten Dhawan zufolge beschließen, Alternative Energien wieder stärker zu fördern. Dieses wurde noch von Trumps Vorgänger Joe Biden von den Demokraten unterzeichnet und beinhaltet ein billionenschweres Investitionsprogramm zur grundlegenden Sanierung von Straßen, Brücken und Schienen sowie zum Ausbau des Breitband-Internets und der Alternativen Energien.

Diese Prioritätensetzungen bewirken zwar laut Dhawan nur kleine Verschiebungen am Aktienmarkt selbst, können jedoch zu groß angelegten Sektorrotationen führen, wenn Anleger damit beginnen, für die von den Demokraten favorisierten Bereiche bessere Gewinnentwicklungen einzupreisen.

Sollten die Republikaner wider Erwarten doch beide Kongresskammern verteidigen können, dürfte Experten zufolge der Finanzsektor von der Hoffnung auf Deregulierungen profitieren. Zudem werden wohl die Aktien von Unternehmen aus dem Bereich fossiler Energien zulegen, da diese von Trump gezielt gefördert werden.

Allerdings sollten Anleger bei den Midterms nicht nur auf die Bundesebene schauen, denn es werden auch Gouverneure von Bundesstaaten sowie Stadtparlamente und lokale Ämter gewählt. Die Wahlergebnisse der unteren Ebenen könnten insbesondere für Akteure im Bereich der Künstlichen Intelligenz und für die Betreiber der für KI-Anwendungen nötigen Rechenzentren wichtig sein, sagte Finanzanalyst Peter Doralt von der Fondsgesellschaft DWS. Der Grund: "Die politische Debatte über Künstliche Intelligenz ist zunehmend auch eine Debatte über die nötige Infrastruktur. Rechenzentren benötigen Strom, Netzanschlüsse und lokale Infrastruktur. Bundesstaaten und Kommunen können Planungs- und Genehmigungsverfahren beeinflussen."

Sollten Wahlergebnisse als Ausdruck lokaler Vorbehalte gegenüber Rechenzentren verstanden werden, könnten die Behörden Genehmigungen strenger prüfen, fuhr Doralt fort. Sie könnten von Projektentwicklern höhere Beiträge zur Infrastruktur verlangen oder versuchen, private Haushalte vor steigenden Stromkosten zu schützen. Für einige Profiteure des KI-Ausbaus könnte die Politik damit unmittelbar die Gewinne beeinflussen.

Anleger sollten dem Fachmann zufolge jedoch auch die andere Seite der Rechnung berücksichtigen: Sollte KI die Produktivität auf breiter Basis erhöhen, könnte dieser Effekt für die Aktienbewertungen wichtiger sein als die politische Debatte über Rechenzentren./la/jsl/he

--- Von Lutz Alexander, dpa-AFX ---