Chinas Big Tech zündet nächste Stufe im KI-Krieg - Warum Alibaba und Tencent Milliarden verbrennen, um das Erbe von DeepSeek anzutreten!

09.02.2026
um 13:42 Uhr

Der KI-Drache erwacht: Milliarden-Wetten

Während in Washington D.C. Präsident Donald Trump seine zweite Amtszeit dazu nutzt, die protektionistischen Daumenschrauben gegenüber Peking weiter anzuziehen, vollzieht sich in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt eine stille, aber gewaltige Metamorphose. China blickt nach innen. Das Reich der Mitte steht am Beginn des Jahres 2026, wobei die makroökonomische Realität zunächst ernüchternd ist: Der Konsum schwächelt und traditionelle Konjunkturprogramme verpuffen weitgehend wirkungslos. Doch genau in diesem Vakuum zündet Chinas Technologiesektor die nächste Stufe einer Entwicklung, die weit über bloße Infrastruktur-Investitionen hinausgeht.

Wir erleben derzeit einen fundamentalen Wandel der Kapitalströme. Die Ära, in der es lediglich um den Aufbau von Rechenzentren ging, neigt sich dem Ende zu. Analysten von Goldman Sachs bezeichnen 2026 bereits als das strategische Wendejahr für Chinas Internet-Megacaps, in dem der Fokus massiv auf Investitionen in direkte Verbraucheranwendungen kippt. Der Startschuss für diesen neuen "Applikations-Krieg" fiel im Januar des vergangenen Jahres mit der Veröffentlichung des R1-Modells von DeepSeek, das die globalen KI-Märkte erschütterte und die heimische Rivalität befeuerte. Heute, ein Jahr später, geht es nicht mehr um das Training der Modelle, sondern um die nackte Monetarisierung der Aufmerksamkeit. Es ist ein brutaler Verdrängungswettbewerb, bei dem Profitabilität paradoxerweise durch massive Ausgaben für Künstliche Intelligenz gesichert werden soll – nicht als futuristisches Mondfahrtprojekt, sondern als pragmatisches Werkzeug zur Margensicherung.

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Die neue Währung: Von SEO zu GEO

Das Schlachtfeld dieses technologischen Stellvertreterkrieges ist das chinesische Neujahrsfest, traditionell die wichtigste Reise- und Konsumzeit des Jahres, in der hunderte Millionen Chinesen zu ihren Familien strömen. Doch in diesem Jahr werden nicht nur physische Geschenke ausgetauscht. Wir beobachten die Geburt einer völlig neuen Marketing-Disziplin: Generative Engine Optimisation, kurz GEO.

Die Logik hinter GEO ist bestechend und bedrohlich zugleich für das alte Internet-Establishment

Während Marken früher Milliarden in Suchmaschinenoptimierung (SEO) steckten, um bei Google oder Baidu auf Seite eins zu landen, fließt das Geld nun in die Manipulation und Optimierung von KI-Chatbot-Antworten. Werbetreibende zahlen dafür, dass ihre Marke von der KI empfohlen wird. Analysten der chinesischen Firma Analysys prognostizieren, dass dieser GEO-Markt allein in diesem Jahr auf 3 Mrd. Yuan (rund 430 Mio. USD) explodieren wird – ein gewaltiger Sprung von den bescheidenen 250 Mio. Yuan im Jahr 2025. Bis 2027 könnte dieser Nischenmarkt bereits ein Volumen von 9 Mrd. Yuan erreichen.

Dieser Paradigmenwechsel erklärt die aggressive Großzügigkeit, mit der die Tech-Giganten derzeit um sich werfen. Es herrscht ein regelrechter "Krieg der roten Umschläge". So hat Alibaba bspw. am 02. Februar verkündet, ab dem 6. Februar unglaubliche 3 Mrd. Yuan (431 Mio. USD) aufzuwenden, um Nutzer für seine KI-App "Qwen" zu gewinnen. Diese Summe stellt die Budgets der Konkurrenz weit in den Schatten: Tencent hat 1 Mrd. Yuan (143 Mio. USD) zugesagt, während der einstige Suchmaschinen-Monopolist Baidu 500 Mio. Yuan in den Ring wirft. Diese Ausgaben sind keine Wohltätigkeit. Sie erinnern frappierend an das Jahr 2015, als Tencent über digitale Geldgeschenke im WeChat-Messenger über Nacht den Markt für mobiles Bezahlen aufbrach und Alibabas Alipay Marktanteile entriss. Heute ist die Währung nicht der Zahlungsverkehr, sondern die tägliche Interaktion mit dem KI-Assistenten. Und so gelangen wir auch schon zu unserer Übersicht von Unternehmen, die man im Rahmen der neuen GEO-Trendtendenz zumindest im Blick haben sollte.

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Alibaba Group: Der aggressive Allrounder

In diesem hochvolatilen Umfeld positioniert sich Alibaba als der vielleicht spannendste Akteur, den Investoren derzeit auf dem Radar haben sollten. Die Bank of America bezeichnet den E-Commerce-Riesen mittlerweile als den "besten Proxy" für das Thema KI in China und hat ein ambitioniertes Kursziel von 180 USD ausgerufen. Die Investment-Story bei Alibaba hat sich radikal gewandelt. Es geht nicht mehr nur um Taobao oder Tmall. Das Unternehmen baut sein KI-Modell "Qwen" zur zentralen Schaltstelle seines Ökosystems aus. Seit einem Update in diesem Monat können Nutzer direkt im Chatbot einkaufen, Essen bestellen und bezahlen, ohne die App jemals zu verlassen. Alibaba verwandelt den Chatbot in eine "Super-App", die tief in die bestehenden Handelsplattformen integriert ist. CEO Eddie Wu wischt Bedenken über eine Investitionsblase beiseite und kündigte an, weiterhin "aggressiv" in die KI-Infrastruktur zu investieren, da die Nachfrage real sei und nicht auf Hype basiere.

Doch der wahre Joker in Alibabas Ärmel ist die Hardware-Sparte. Während NVIDIA aufgrund der US-Exportbeschränkungen seine leistungsfähigsten Chips nicht einfach so nach China liefern darf, füllt Alibaba dieses Vakuum mit Eigenentwicklungen. Berichten zufolge erwägt der Konzern eine Restrukturierung seiner Chip-Einheit T-Head, um diese möglicherweise für einen Börsengang vorzubereiten. Die Einheit hat bereits einen KI-Chip entwickelt, dessen Leistungsfähigkeit auf Augenhöhe mit NVIDIAs H20 GPU liegt. Sollte also Alibaba hier eine technologische Unabhängigkeit demonstrieren und diese Sparte erfolgreich monetarisieren, wäre dies ein gewaltiger Katalysator für die Aktie, die an der Börse in Hongkong bereits massiv von Zuflüssen aus Festlandchina profitiert.

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Tencent: Die soziale Festung

Während Alibaba auf Transaktionen setzt, spielt Tencent seine traditionelle Stärke aus: die soziale Vernetzung. Analysten von Goldman Sachs sehen in dem Konzern den Hauptnutznießer der Anwendungswelle im chinesischen Internetsektor und haben ein Kursziel von 752 Hongkong-Dollar ausgegeben. Die Strategie von Tencent ist subtiler, aber enorm wirkungsvoll. Der Konzern nutzt seine dominante WeChat-Plattform mit ihren 1,4 Mrd. Nutzern als trojanisches Pferd für seine KI-Ambitionen. Die Kampagne für den eigenen Chatbot "Yuanbao", die am 01. Februar startete, zwingt Nutzer quasi zu einem Upgrade der App, um digitale rote Umschläge (Geld-Belohnungen) zu erhalten, die dann direkt in die WeChat-Wallet fließen. Dieser Mechanismus schafft eine nahtlose Verbindung zwischen KI-Nutzung und dem Finanz-Ökosystem des Konzerns.

Für Investoren ist Tencent besonders attraktiv, weil KI hier als Multiplikator für alle bestehenden Geschäftsbereiche wirkt. Ob im Gaming, wo KI-Gegner realistischer werden, im Fintech-Bereich zur Betrugserkennung oder im Werbegeschäft zur besseren Zielgruppenansprache – die Technologie durchdringt jede Faser des Konglomerats. Tencent muss keine neuen Märkte erfinden; sie müssen ihre bestehenden Märkte nur effizienter melken. Die Integration von "Agentic AI" – also KI-Agenten, die selbstständig Handlungen ausführen – wird von Bank of America als natürlicher Vorteil für das etablierte Ökosystem von Tencent gesehen.

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Baidu: Die Flucht nach vorn

Im Schatten der zwei Giganten kämpft Baidu um seine Relevanz. Der einstige KI-Pionier Chinas steht unter gewaltigem Druck, nicht zwischen der E-Commerce-Macht von Alibaba und der Social-Media-Dominanz von Tencent zerrieben zu werden. Um diesem Schicksal zu entgehen, hat das Unternehmen eine drastische interne Reorganisation vollzogen. Wie Insider berichten, hat Baidu seine Dokumenten-Plattform "Wenku" und den Cloud-Dienst "Wangpan" zu einer neuen Einheit verschmolzen: der "Personal Super Intelligence Business Group" (PSIG). Diese neue Super-Unit wird von Wang Ying geleitet, der direkt an CEO Robin Li berichtet. Der Schritt ist logisch und überfällig. Mit 97 Millionen monatlichen Nutzern bei Wenku und über 200 Millionen bei Wangpan verfügt Baidu über eine massive Datenbasis. Ziel ist es, diese Nutzerbasis durch KI-Features stärker zu monetarisieren, etwa durch automatische Erstellung von Präsentationen oder Zusammenfassungen.

Doch Baidus vielleicht wichtigster Hebel liegt ebenfalls in der Hardware. Ähnlich wie Alibaba plant auch Baidu, seine KI-Chip-Sparte "Kunlunxin" an die Börse zu bringen und hat bereits einen entsprechenden Antrag eingereicht. In einer Welt, in der Rechenleistung das neue Öl ist, könnte ein erfolgreicher IPO dieser Sparte dringend benötigtes Kapital in die Kassen spülen und den Wert der Holding heben. Dennoch bleibt die Aktie ein Wackelkandidat und hinkt der Performance von Alibaba und Tencent hinterher. Baidu muss also beweisen, dass es den Übergang von der Suche zur Anwendung meistern kann.

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Die zweite Reihe: Hardware und Hidden Champions

Abseits der großen Plattform-Ökonomie formiert sich eine zweite Reihe von Unternehmen, die für risikofreudige Investoren hochinteressant ist. Ein Paradebeispiel ist der chinesische KI-Chiphersteller Axera Semiconductor, der derzeit einen Börsengang in Hongkong im Volumen von rund 379 Mio. USD (2,96 Mrd. HKD) anstrebt. Axera ist kein direkter Konkurrent zu den Cloud-Chips von NVIDIA, sondern besetzt eine strategisch wichtige Nische: "Edge AI". Das Unternehmen entwirft Chips, die KI-Anwendungen direkt auf Endgeräten wie Kameras, in Autos oder Industrieanlagen ausführen. Axera behauptet, 2024 bereits der weltweit größte Anbieter für visuelle KI-Inferenz-Chips im mittleren bis oberen Segment gewesen zu sein. Mit Tencent als frühem Investor im Rücken setzt Axera darauf, dass die KI-Verarbeitung zunehmend aus der Cloud auf das Gerät wandert ("Inference on the Edge"). Zwar schreibt das Unternehmen noch rote Zahlen – der Verlust weitete sich in den ersten neun Monaten 2025 auf 855,7 Mio. Yuan aus –, doch der Umsatz wächst. Für Investoren ist dies eine Wette auf die allgegenwärtige Verbreitung von KI im physischen Raum.

Nicht an der Börse, aber allgegenwärtig ist ByteDance. Der TikTok-Mutterkonzern treibt die Branche mit seiner App "Doubao" vor sich her, die als populärste KI-App Chinas gilt. ByteDance testet bereits die Integration dieser KI in eigene Smartphones, was den Druck auf die Hardware-Strategien der Konkurrenz massiv erhöht. Und im Hintergrund lauert DeepSeek, das Unternehmen, das den aktuellen Boom erst ausgelöst hat. Mitte Februar wird der Launch des V4-Modells erwartet, das besonders im Bereich Coding neue Maßstäbe setzen soll.

Fazit: Das Kapital fließt nach Süden

Abschließend bleibt es zu erwähnen, dass die Dynamik im chinesischen Tech-Sektor atemberaubend ist. Während westliche Investoren noch skeptisch auf die regulatorischen Risiken und die geopolitischen Spannungen blicken, schaffen die chinesischen Anleger Fakten. Über die "Southbound"-Verbindungen fließen massive Summen vom chinesischen Festland an die Hongkonger Börse und treiben die Kurse von Alibaba und Tencent. Für diese Investoren ist KI keine Blase, sondern der einzige Ausweg aus der strukturellen Wachstumsschwäche.

Das Jahr 2026 wird zeigen, wer seine Milliarden-Investitionen in echte Erträge ummünzen kann. Die Verlagerung von SEO zu GEO und der Fokus auf "Agentic AI" deuten darauf hin, dass die Gewinner der Zukunft nicht unbedingt jene sind, die am meisten verkaufen, sondern jene, die "smarter" verkaufen. Alibaba scheint mit seiner aggressiven Integration und der Hardware-Optionalität derzeit die besten Karten zu haben, dicht gefolgt von der defensiven Stärke Tencents. Baidu bleibt die Wildcard. Wer in diesem Markt investiert, braucht v.a. wegen der Geopolitik sehr starke Nerven – doch die technologische Revolution, die hier unter Hochdruck stattfindet, lässt sich nicht mehr ignorieren.

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Viel Erfolg und bleiben Sie Profitabel!

Verantwortlicher Redakteur Kulikov: keine Eigenpositionen.