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ROUNDUP: Ökonomenstimmen zum gewaltigen Zollpaket der US-Regierung

03.04.2025
um 11:45 Uhr

FRANKFURT (dpa-AFX) - US-Präsident Donald Trump hat mit einem gewaltigen Zollpaket Handelspartnern auf aller Welt den Kampf angesagt. Seine Regierung führt neue pauschale Zölle in Höhe von zehn Prozent auf Importe aus allen Ländern ein. Für viele Staaten sollen je nach Handelsdefizit und aus Basis anderer Faktoren deutlich höhere, teils kaum nachvollziehbare Strafabgaben greifen, wie der Republikaner verkündete. Auf Einfuhren aus Deutschland und anderen Staaten der Europäischen Union in die USA sind demnach neue Zölle in Höhe von 20 Prozent vorgesehen. Es ist der bislang aggressivste und folgenreichste Schritt im Zuge der ohnehin rabiaten Handelspolitik des US-Präsidenten.

Einschätzungen von Ökonomen im Überblick:

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank

"Wirtschaft und Finanzmärkte müssen sich darauf einstellen, dass Zölle ein dauerhaftes Instrument der US-Wirtschaftspolitik sein werden. Die jüngsten Ankündigungen von Basiszöllen und reziproken Zöllen gegenüber allen Handelspartnern der USA sind wahrscheinlich das Kernstück der handelspolitischen Agenda der neuen US-Administration, selbst wenn in den kommenden Tagen einiges hiervon bereits wieder zurückverhandelt wird."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

"Die EU, aber auch China kündigten bereits Gegenmaßnahmen an. Somit ist ein globaler Handelskrieg bereits in vollem Gange. Die Weltwirtschaft könnte schweren Schaden nehmen. Dies betrifft auch die USA selbst. Die Inflationsraten werden steigen, da viele Konsumwaren aufgrund der Einfuhrgebühren im Preis steigen werden. Damit kommt es zu einem schweren Spagat für die US-Notenbank. Einerseits dürften aufgrund der Zölle die Inflationsraten zulegen, andererseits droht die US-Wirtschaft selbst unter der Zolllast empfindlich abzukühlen."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING Bank

"Kurzfristig richten sich alle Augen auf die Gegenmaßnahmen der EU-Kommission, um die Auswirkungen auf die Inflation richtig einschätzen zu können. Die ersten Gegenmaßnahmen werden Mitte April in Kraft treten, sind aber relativ gering, da sie sich gegen die Stahl- und Aluminiumzölle richten. Da die Kommission noch keine Gegenmaßnahmen zu den jüngsten Ankündigungen mitgeteilt hat, ist noch unklar, wie sich die Gesamtauswirkungen auf die Preise in der Eurozone auswirken werden. Was die Europäische Zentralbank betrifft, betonen die jüngsten Kommentare von EZB-Vertretern, dass es offenbar weiterhin eine bedeutende Gruppe gibt, die eine Pause bei der nächsten Sitzung in zwei Wochen befürwortet."

Bernd Weidensteiner, Christoph Balz und Vincent Stamer, Analysten der Commerzbank

"Für Deutschland bedeuten die neuen Zölle eine spürbare Behinderung im Export in die USA. Besonders getroffen sind die Auto- und Autoteilexporte, die ab heute mit einem zusätzlichen Zoll von 25 Prozent belegt werden. Neben den Autoexporten kommen die nun angekündigten reziproken Zölle von 20 Prozent auf alle anderen Waren aus der EU, beziehungsweise Deutschland ab dem 9. April. Ausgenommen von diesen reziproken Zöllen sind allerdings die für das deutsche Exportgeschäft wichtigen Pharmaprodukte, sowie diverse Chemikalien. Insgesamt gehen wir davon aus, dass damit bis zu 80 Prozent aller deutschen Warenexporte in die USA mit einem Zoll von mindestens 20 Prozent belegt werden."

Dirk Chlench, Analyst Landesbank Baden-Württemberg

"Die nun angekündigten Zollerhöhungen haben die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Sollte man die Rede von Donald Trump in einem Satz zusammenfassen, so wäre 'Donald holt den Zollhammer raus' eine treffende Formulierung. (...) Es bleibt zu hoffen, dass das letzte Wort in Sachen Zöllen noch nicht gesprochen ist und die jüngsten Verlautbarungen nur der Auftakt für weitere Verhandlungen sind. Donald Trump hat in seiner Rede damit geprahlt, wie stark der US-Aktienmarkt während seiner ersten Amtszeit gestiegen ist. Vielleicht kann die Reaktion des Aktienmarktes dabei helfen, dass Donald Trump von seinem eingeschlagenen Kurs wieder ein Stück abweicht."

Stephen Dover, Marktstratege bei Franklin Templeton Institute

"Rezession und Inflation sind jetzt wahrscheinlicher. Zölle funktionieren nicht, wenn die Preise nicht steigen. Die durchschnittliche amerikanische Familie könnte aufgrund der heutigen Zölle bis zu 4.200 US-Dollar mehr pro Jahr zahlen (bei einem durchschnittlichen Zollsatz von 20 Prozent auf Importe). Zölle werden daher wahrscheinlich die Ausgaben der Haushalte und Unternehmen bremsen, und wir gehen davon aus, dass sie das Risiko von Rückschlägen beim Wachstum und bei den Gewinnen in den USA im Jahr 2025 erhöhen werden."

Greg Fuzesi Analyst bei der US-Bank JPMorgan

"Die Exporte aus dem Euroraum in die USA machen nur 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des Euroraums aus, und die darin enthaltene Wertschöpfung beträgt lediglich 2 Prozent des BIP. Zwar gibt wahrscheinlich auch Grenzen dafür, wie viel die inländische US-Produktion Importe ersetzen kann, was einen Teil der Exportmengen in die USA schützen würde. (...) Unsere Wachstumsprognose für den Euroraum geht aber von einem Rückgang des BIP-Niveaus um 1 Prozent bis Ende 2026 aufgrund handelspolitischer Unsicherheit aus."

Jürgen Matthes, Analyst beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

"Die EU muss nun besonnen, aber aus einer Position der Stärke reagieren. Sie tritt jetzt in eine neue Phase des Handelsstreits ein. Bislang ging es darum, Trump mit Angeboten etwa bei Flüssiggas oder Rüstungsgütern zu locken. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass die Europäische Kommission ihre Waffen zeigt und ebenfalls eine Drohkulisse aufbaut." /jkr/jsl/stk