ROUNDUP 2: Luftkrieg eskaliert - Kiew und Moskau beklagen zivile Opfer
(aktualisierte Fassung)
CHARKIW/ENERHODAR (dpa-AFX) - Im Ukraine-Krieg hat die Gewalt durch Luftangriffe massiv zugenommen: Kiew meldete bei russischen Raketenangriffen im östlichen Gebiet Charkiw mindestens zehn Tote, während Moskau die schwerste Drohnenattacke seit zwei Jahren verzeichnete. Bei dem russischen Luftschlag in Petschenihy rund 55 Kilometer östlich von Charkiw seien auch mindestens 18 Menschen verletzt worden, teilte der Gebietsgouverneur Oleh Synjehubow bei Telegram mit. Es sei zivile Infrastruktur beschädigt worden, darunter zehn Privathäuser, ein Café und Geschäfte.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte den "brutalen Angriff auf eine belebte Kreuzung". Dort gebe es eine Post, Geschäfte und in der Umgebung ausschließlich Wohnhäuser. "Die Umstände dieser Tragödie werden derzeit aufgeklärt", teilte Selenskyj bei Telegram mit. "Wir werden auf diesen russischen Angriff unbedingt reagieren." Zugleich rief er die Verbündeten der Ukraine dazu auf, Kiews "militärische Reaktionen durch eigene Maßnahmen zu ergänzen, um Druck auf Russland auszuüben".
Russland und die Ukraine haben ihre gegenseitigen Luftangriffe deutlich verstärkt. Experten sprechen von einer Eskalation der Gewalt auf beiden Seiten. Russland griff zuletzt verstärkt mit Marschflugkörpern und Raketen an, während die Ukraine überwiegend auf immer schnellere und weitreichende Drohnen, aber auch auf Marschflugkörper setzt.
Moskau erlebt schwerste Drohnenattacke seit Jahren
Derweil erlebten auch Moskau und die russische Hauptstadtregion die schwerste ukrainische Angriffswelle seit zwei Jahren. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte demnach mit, von Montagabend bis Dienstagmorgen seien 620 Drohnen in Richtung der Hauptstadtregion geflogen. Die meisten habe die Luftabwehr schon im Anflug abgewehrt, weitere 180 Drohnen seien dann im Raum Moskau vom Himmel geholt worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Im Moskauer Umland wurden nach Angaben von Gouverneur Andrej Worobjow drei Menschen bei Drohnenangriffen an verschiedenen Orten verletzt, darunter eine Zehnjährige. Er berichtete von Schäden und mehreren Bränden an verschiedenen Orten der Region, unter anderem an Wohnhäusern. Einmal mehr trafen die ukrainischen Drohnenangriffe Worobjow zufolge ein Lagerhaus des größten russischen Online-Versandhändlers Wildberries. In der Folge sei ein Feuer ausgebrochen, Verletzte gebe es nicht.
Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, in der Nacht 791 ukrainische Drohnen über russischem Gebiet und der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim abgewehrt zu haben. Die Angaben sind unabhängig nicht überprüfbar, lassen aber Rückschlüsse auf die Intensität der ukrainischen Gegenangriffe zu. Die ukrainische Flugabwehr teilte mit, dass Russland mit 147 Drohnen angegriffen habe. Die meisten Flugobjekte seien abgeschossen worden.
Toter und viele Verletzte bei ukrainischem Drohnenangriff
Die russischen Besatzungsbehörden im ukrainischen Gebiet Saporischschja wiederum meldeten am Morgen einen Drohnenangriff Kiews auf eine Bushaltestelle in der Stadt Enerhodar. Ein Mensch sei bei der Attacke getötet worden; es gebe auch 15 Verletzte, teilte der von Moskau eingesetzte Gebietsgouverneur Jewgeni Balizki bei Telegram mit.
Er sagte, die Menschen hätten gerade auf den Bus zur Arbeit gewartet, als Kiew den Drohnenangriff ausgeführt habe. In Moskau teilte das zentrale Ermittlungskomitee mit, dass Strafverfahren wegen der Terroranschläge im Gebiet Saporischschja und in der Hauptstadtregion eingeleitet worden seien.
Die Angaben der Kriegsparteien sind unmittelbar von unabhängiger Seite nicht zu überprüfen. Russland hatte seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine vor viereinhalb Jahren begonnen. Kiew wehrt sich gegen diese Invasion mit westlicher militärischer Hilfe.
Britische Drohnen gegen Russland? Moskau droht mit Folgen
Die Ukraine greift derweil Russland laut einem Bericht der "Sunday Times" auch mit Drohnen aus britischer Produktion an. Moskau spricht von Eskalation und droht London mit Konsequenzen. Der britische Zeitungsbericht bestätige, dass London bewusst auf eine Eskalation des Ukraine-Kriegs setze, während es "heuchlerisch einen Wunsch nach Frieden" bekunde, teilte die russische Botschaft in dem Nato-Land mit. "Londons Vorgehen wird zwangsläufig Konsequenzen haben, für die das Land zur Rechenschaft gezogen werden muss", hieß es weiter in der russischen Stellungnahme.
Der britische Premierminister Andy Burnham kommentierte am Rande eines Termins am Dienstag, Großbritannien tue genau das, was es schon vor langer Zeit angekündigt habe - "die Ukraine zu hundert Prozent in diesem illegalen Krieg von Wladimir Putin zu unterstützen". Sein Land helfe der Ukraine, sich selbst zu verteidigen. Diese Position habe Großbritannien während des ganzen Konflikts vertreten.
Die "Sunday Times" hatte am Sonntag berichtet, dass Drohnen britischer Hersteller erstmals von der Ukraine eingesetzt worden seien, um Ziele im russischen Hinterland anzugreifen. Drohnen von zwei britischen Unternehmen seien an die Ukraine geliefert worden. Die ukrainischen Streitkräfte setzten sie für Angriffe mit großer Reichweite ein. Auch die BBC meldete unter Berufung auf eine nicht näher beschriebene Militärquelle, dass Kiew britische Drohnen bei den Angriffen eingesetzt habe./mau/DP/he