MONTE CARLO (dpa-AFX) - Die großen Rückversicherer versuchen bei ihrem Branchentreffen in Monaco den weiteren Preisverfall im Schaden- und Unfallgeschäft in Grenzen zu halten. So warnten die Weltmarktführer Munich Re
An der Börse wurden die Neuigkeiten negativ aufgenommen: Die Aktien von Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück verloren am Morgen jeweils gut anderthalb Prozent an Wert.
Beim traditionellen Branchentreffen in Monte Carlo verhandeln die Rückversicherer seit dem Wochenende wie jedes Jahr mit Erstversicherern wie Allianz
Dass sich dieser Trend 2027 fortsetzen dürfte, räumt auch die Hannover Rück ein. Ihr Vorstandschef Clemens Jungsthöfel erwartet zum 1. Januar leicht sinkende Preise, will die übrigen Konditionen aber "überwiegend stabil" halten. Dabei geht es etwa darum, welchen Anteil der Risiken Erstversicherer in ihren eigenen Büchern behalten - und ab welcher Summe und bis zu welcher Schadenhöhe ein Rückversicherer einspringt.
Während der weltgrößte Rückversicherer Munich Re sein Geschäftsvolumen schon in den jüngsten Erneuerungsrunden zurückfuhr, hatte die Hannover Rück ihr Geschäft zuletzt noch ausgebaut. Auch für die kommende Vertragserneuerung zum 1. Januar - die traditionell größte des Jahres - will Jungsthöfel mindestens so viel Rückversicherungskapazität zur Verfügung stellen wie im Vorjahr. Jedenfalls dann, wenn die Hannover Rück auskömmliche Preise erzielen kann.
Bei den Verhandlungen haben die Rückversicherer schlechtere Karten als noch vor ein paar Jahren. So liegen die Preise für Rückversicherungsschutz im langfristigen Vergleich noch immer auf einem hohen Niveau. Weil sich die Katastrophenschäden aber zuletzt in Grenzen hielten, schrieben viele Anbieter zuletzt Gewinne auf Rekordniveau, und ihr Kapital schwoll immer weiter an.
Laut Daten des Maklers Aon saß die Rückversicherungsbranche Ende März auf einem Kapital von fast 650 Milliarden Dollar. Zusammen mit dem Geld, das Anleger über Katastrophenanleihen und andere Vehikel als alternatives Kapital zur Verfügung gestellt hatten, summierte sich das Rückversicherungskapital auf den Rekordwert von 790 Milliarden Dollar. Dieses Geld ringt um Geschäft - und das hohe Angebot spielt den Erstversicherern in die Karten.
Hatten die Preise für Rückversicherungsschutz 2017 noch einen langjährigen Tiefpunkt erreicht, stiegen sie danach zunächst in kleinen Schritten, bevor sie 2023 kräftig in die Höhe sprangen, wie aus Zahlen des Maklers Guy Carpenter zur Katastrophen-Rückversicherung hervorgeht. Ab 2025 setzte schließlich wieder ein Preisrückgang ein, der sich 2026 verstärkte.
Bei den Vertragserneuerungen seit Anfang 2026 mussten Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück im Schnitt Preisrückgänge von rund fünf Prozent hinnehmen, wenn man Inflation und veränderte Risiken berücksichtigt. "Wir glauben, dass wir 2027 eine ähnliche Entwicklung haben werden wie 2026", sagt Branchenexperte Johannes Bender von der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P).
Laut einer Umfrage der Ratingagentur Moody's erwarten 86 Prozent der befragten Erstversicherer einen weiteren Preisrückgang. In der Schadenversicherung etwa für Wohngebäude, Industrieanlagen und Autos rechnen die meisten sogar mit Abschlägen von mehr als 7,5 Prozent. Besonders starke Rückgänge erwarten sie in den USA und der Karibik, wo Hurrikans und andere Wirbelstürme immer wieder Milliardenschäden anrichten.
Zuletzt war diese Region zwar glimpflich davongekommen. Doch die Hurrikansaison im Nordatlantik dauert noch bis November, und wegen des Wetterphänomens El Niño gilt deren Verlauf als besonders unberechenbar. Ein einziger Hurrikan, der auf die US-Küste trifft, kann schnell Schäden im zweistelligen Milliardenbereich anrichten. S&P-Analyst Bender geht jedoch davon aus, dass auch solch größere Ereignisse für die Rückversicherer "nicht ausreichen würden, um die Preise wieder zum Steigen zu bringen".
Ohnehin betonen Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück, dass neben den ganz großen Katastrophen vor allem mittelgroße Naturereignisse wie Hagel, Überschwemmungen und Gewitter immer höhere Schäden nach sich ziehen. Nach einem jahrelang zunehmenden Trend hätten solche Ereignisse die Versicherungsbranche im vergangenen Jahr rund 104 Milliarden Dollar (knapp 90 Mrd Euro) gekostet, berichtete die Munich Re.
So richteten die verheerenden Waldbrände in Kalifornien Anfang 2025 volkswirtschaftliche Schäden von insgesamt etwa 54 Milliarden Dollar an. Davon trug die Versicherungsbranche rund 40 Milliarden. Es war die teuerste Katastrophe dieser Art in der Geschichte.
Auch in Europa nahmen große Waldbrände zu. Zuletzt brachen Feuer nahe Bordeaux, Marseille und Madrid aus, und auch Sizilien war betroffen. Dass sich die Versicherungsschäden dabei im überschaubaren Rahmen hielten, erklärte der Munich-Re-Vorstand in Monte Carlo damit, dass die Feuer nur ländliche Regionen getroffen hätten - und keine größeren Wohn- oder Industriegebiete.
Waldbrände seien weltweit das am stärksten wachsende Wetterrisiko, erklärte die Swiss Re. In Europa seien die versicherten Waldbrandschäden in den vergangenen Jahrzehnten um schätzungsweise 8 bis 11 Prozent pro Jahr gestiegen. Dieses Risiko wachse weiter, schreibt die Swiss Re, "weil immer mehr Menschen und Vermögenswerte in waldbrandgefährdeten Gebieten angesiedelt sind".
Die Munich-Re-Führung warnt, dass auch die jüngsten Hitzewellen noch weitere schwere Folgen haben dürften. So hätten die Folgen der hohen Temperaturen zunehmend Menschenleben gefordert. Zudem beeinträchtigten die "außergewöhnlich hohen Temperaturen" ebenso wie Fluten die Infrastruktur und die Lieferketten. Hinzu kämen Schäden in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen sowie an Gebäuden und Anlagen./stw/err/jha/