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INTERVIEW/Finanzprofessor: Die Regulierungen für Zertifikate reichen aus

14.09.2026
um 07:05 Uhr

FRANKFURT (dpa-AFX) - Vor 18 Jahren sandte die Pleite von Lehman Brothers Schockwellen durch die Finanzwelt. Die Insolvenz traf auch die Anleger von Zertifikaten, also Inhaberschuldverschreibungen, der US-Investmentbank hart. Sie erlitten beinahe einen Totalverlust. In der Folge wurde das Vertrauen in die gesamte Zertifikatebranche tief erschüttert, und es kam zu starken Mittelabflüssen.

Als Reaktion auf die Finanzkrise im Jahr 2008, die in der Lehman-Pleite gipfelte, senkte die Europäische Zentralbank die Leitzinsen deutlich. In der Nullzinsphase im Euroraum zwischen 2016 und 2022 suchten dann Anleger händeringend nach alternativen Finanzprodukten, sodass sich die Zertifikate-Branche wieder erholte. Hierzulande lag das Marktvolumen in den letzten Jahren konstant über 100 Milliarden Euro, wenngleich der Höchstwert von fast 140 Milliarden Euro aus dem Jahr 2007 noch nicht wieder erreicht wurde.

Im Interview mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX blickt Professor Marc Oliver Rieger vom Lehrstuhl für Bank- und Finanzwirtschaft an der Universität Trier auf die Lage der Zertifikatebranche und beschreibt die Auswirkungen der nun wieder steigenden Zinsen im Euroraum. Professor Rieger ist Jurypräsident des Swiss Derivative Awards und hält sich auch gerade für einen Lehraufenthalt in der Schweiz auf.

Frage: Wie sehen Sie die Zertifikatebranche in Europa 18 Jahre nach der Insolvenz von Lehman Brothers aktuell aufgestellt?

Antwort: Die Insolvenz von Lehman Brothers war natürlich katastrophal für die betroffenen Anleger. Da gab es Fälle, in denen ganze Altersvorsorgen von heute auf morgen verloren gingen. Die Zahl der Betroffenen war aber im Verhältnis zur Gesamtzahl der Anleger nicht so hoch. Schwieriger war für die Branche, dass zur Zeit der Finanzkrise sehr viel mehr Anleger Geld mit als sicher vermarkteten Produkten verloren, weil eben niemand mit so großen Verlusten an der Börse gerechnet hatte - oder rechnen wollte.

In den Boom-Zeiten vor 2008 gab es da schwerwiegende Fehler. Da wurden etwa Barriereprodukte bei mindestens einer Bank intern als "festverzinslich" eingestuft - eine Klassifikation, die das erhebliche Aktienmarktrisiko solcher Produkte nur unzureichend widerspiegelte. Solche Fehler waren wohl einer ungesunden Mischung aus Unwissenheit, auch bei den Anlageberatern, Innovationsfreude und übertriebenem Optimismus geschuldet. Seitdem hat sich der Markt erheblich geändert. Emittenten und Berater sind heute sehr viel vorsichtiger geworden.

Das Emittentenrisiko, also das Risiko, dass die Bank, die das Produkt erstellt, insolvent wird, ist auch präsenter. Heute würden Berater wohl niemandem mehr raten, seine gesamte Altersvorsorge in das Produkt eines einzigen Emittenten zu investieren.

Frage: Inwiefern reichen die vorgenommenen Regulierungsmaßnahmen aus, und wo müsste noch nachgebessert werden - nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt, dass mehr Selbstentscheider als früher auf dem Markt aktiv sind?

Antwort: Regulierung ist letztlich immer auch eine politische Frage: Wie viel Fehlinvestitionen will man verhindern? Wie viel Freiheit will man den Anlegern nehmen? Ich persönlich finde die momentanen Regulierungen in diesem Bereich ausreichend. Einige Regeln, wie zum Beispiel das PRIIPs-Basisinformationsblatt (engl. Packaged Retail and Insurance-based Investment Products, kurz PRIIPs), sind auch mehr oder minder praxistauglich, während andere nicht zielführend sind. Sie produzieren letztlich nur Papier, das von vielen am Ende einfach blind unterschrieben wird. Weniger Papier bedeutet oft auch, dass die wesentlichen Informationen besser wahrgenommen werden und nicht irgendwo "untergehen".

Frage: Hierzulande wird der Name "Zertifikate" als umfassende Produktbezeichnung in der Außendarstellung der Branche vermehrt durch den Oberbegriff "Strukturierte Wertpapiere" verdrängt, was als Versuch einer Imageverbesserung verstanden werden kann.

Antwort: In der Schweiz und auch in der (deutschsprachigen) Wissenschaft ist eigentlich schon seit Langem der Name "Strukturierte Produkte" üblich: Die Swiss Structured Products Association gibt es bereits seit über 20 Jahren. Ob die Verwendung des Begriffs "Strukturiertes Wertpapier" in Deutschland jetzt das Image verbessern soll, kann ich nicht beurteilen. Der Branchenverband BSW (Bundesverband für strukturierte Wertpapiere) hieß ja früher "Deutscher Derivate Verband", was ein eher unpräziser Name war, was eine Umbenennung sinnvoll machte. Wenn es nur darum ginge, einen "verbrannten Begriff" zu tilgen, wäre es naheliegender gewesen, schon unmittelbar nach der Finanzkrise nicht mehr von "Zertifikaten" zu sprechen.

Frage: Wie ist es um die Akzeptanz von Zertifikaten in der Schweiz aktuell bestellt?

Der Anteil der strukturierten Produkte an den Gesamtanlagen ist seit Jahren relativ konstant bei 3 Prozent. In der Hochphase vor der Finanzkrise war er etwa doppelt so hoch. Die Produkte haben im Wesentlichen drei Anwendungsbereiche: Spekulation und Absicherung gegen Kursschwankungen, Spezialanwendungen oder Anlage mit verändertem Auszahlungsprofil, unter anderem Kapitalschutzprodukte oder Discountzertifikate. Spezialwendungen haben etwa die Anlage in Bitcoins erleichtert oder ermöglichen es, spezifische Risiken abzusichern.

Frage: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung vor allem mit dem Aspekt der Anlegerpsychologie. Warum also interessieren sich Privatanleger aus diesem Blickwinkel betrachtet für bestimmte komplexe Produktstrukturen, und welchen Nutzen bringt ihnen das?

Die Frage stellt sich vor allem bei der dritten Anwendung der Produkte, auf die wohl das größte Anlagevolumen entfällt. Hier spielt die Psychologie eine große Rolle, übrigens nicht nur bei Privatanlegern, sondern auch bei vielen "Profis". Das kann sinnvoll sein oder auch problematisch. Zwei Beispiele dazu: Kapitalschutzprodukte/Garantiezertifikate erlauben es, auf steigende Aktienkurse zu setzen, aber sich zugleich am Laufzeitende gegen Verluste abzusichern. Das kann für besorgte Anleger ein Einstieg in Aktien sein, und sie davor bewahren, ihr Erspartes über die Jahre auf dem Sparbuch dahinschmelzen zu lassen. Andererseits spielen "worst-of barrier reverse convertibles", die in der Schweiz sehr populär sind, oder auch "Twin-win-Zertifikate" gekonnt mit psychologischen Fehleinschätzungen, und erscheinen Anlegern daher besser, als sie eigentlich sind.

Frage: Was bedeuten die aktuell tendenziell steigenden Zinsen im Euroraum für den Zertifikatemarkt insgesamt?

Die Effekte davon kann man gut vorhersagen: In einer Studie mit meinem Kollegen, Prof. Christian Bauer, haben wir gezeigt, wie Kapitalschutzprodukte in der Niedrigzinsphase der letzten Jahre schrittweise vom Markt praktisch verschwunden sind. Mit steigenden Zinsen kehren diese nun zurück und werden weiter an Boden gewinnen. Das sind gute Nachrichten, denn diese Produkte sind, wie zuvor erwähnt, ein guter Einstieg in Aktienanlagen für eher ängstliche Anleger. Wer es noch sicherer haben möchte, kann auch nach besicherten Varianten (z.B. COSI) fragen, bei denen das Risiko für das angelegte Geld durch eine Insolvenz des Emittenten minimiert wird./la/ag/stk

--- Gespräch: Lutz Alexander, dpa-AFX ---