ROUNDUP 2/Medien und KI: Welche Strategie - verklagen, regeln, nutzen?
(Neu: 6. Absatz neu, ehemals 5. Absatz wurde gestrichen, Absatz zur BR Intendantin gekürzt)
MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Chefredakteur der "Zeit", Jochen Wegner, hat sich für ein konsequentes juristisches Vorgehen gegen KI-Unternehmen ausgesprochen, die journalistische Inhalte ohne Erlaubnis nutzen. "Wir müssen alle KI-Anbieter für ihren Datendiebstahl verklagen", sagte Wegner bei den Medientagen München. Er betonte zugleich: "Das ist aber kein Geschäftsmodell." Die Medienbranche dürfe sich nicht allein auf rechtliche Schritte und Regulierung verlassen, sondern müsse auch die Chancen neuer Technologien nutzen.
Die "Zeit" setzt auf eine Mischung aus Abwehr und Zusammenarbeit. Einerseits versuche das Medienhaus, unerlaubte Zugriffe von KI-Anbietern auf ihre Inhalte technisch zu verhindern. Andererseits arbeite die "Zeit" in einem Pilotprojekt mit Google zusammen. Der Konzern dürfe gegen Bezahlung eine begrenzte Auswahl von Artikeln für KI-Anwendungen nutzen, sagte Wegner. Dabei sei genau festgelegt, wofür die Texte verwendet werden dürften und wofür nicht.
Abos über soziale Netzwerke
Wegner rechnet damit, dass sich daraus künftig neue Geschäftsmodelle entwickeln könnten. Denkbar seien etwa Abonnements, mit denen Nutzer über einen KI-Assistenten direkt auf die Inhalte verschiedener Medien zugreifen könnten. Voraussetzung seien klare Regeln und eine angemessene Bezahlung.
Welche Möglichkeiten neue Technologien für Medienunternehmen bieten, zeigt sich Wegner zufolge auch bei der Verbreitung journalistischer Inhalte. Die "Zeit" habe vor rund zwei Jahren ein eigenes Team für TikTok aufgebaut. Ursprünglich sei es vor allem darum gegangen, jüngere Menschen zu erreichen. Inzwischen profitiere davon auch das Kerngeschäft.
BR-Chefin: Recherche und Nähe vor Ort
Die Intendantin des Bayerischen Rundfunks (BR), Katja Wildermuth, sieht die Stärken journalistischer Medien vor allem in eigenen Recherchen und der Nähe zum Publikum. Automatisierte Kurznachrichten könnten auch andere Anbieter produzieren. Reporter, die vor Ort recherchierten, Zusammenhänge erklärten und Themen über längere Zeit verfolgten, ließen sich dagegen nicht einfach durch KI ersetzen. Für die ARD sei hier die regionale Berichterstattung ein wichtiger Vorteil.
WDR-Intendantin warnt vor monopolistischen Strukturen
Katrin Vernau, Intendantin des Westdeutschen Rundfunks (WDR), warnte vor dominanten Strukturen der digitalen Plattformen. Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei es, glaubwürdige Informationen zur Verfügung zu stellen, sagte Vernau. Es werde allerdings immer schwerer, mit diesen Informationen das Publikum zu erreichen, "weil wir eben mittlerweile mit den großen Plattformen monopolistische Strukturen haben, die einen fairen Wettbewerb nicht so ermöglichen". Da sei auch der Gesetzgeber gefragt.
Sender-CEO Giordani: Lösungen der Medien selbst gefragt
ProSiebenSat.1-Vorstandschef Marco Giordani kritisierte die mangelnde Transparenz der großen Plattformen. Diese seien für Medienunternehmer zwar ein wichtiger Weg, um ihr Publikum zu erreichen. Problematisch sei aber, dass häufig nicht nachvollziehbar sei, nach welchen Kriterien die Plattformen journalistische Inhalte ausspielten. Die Medienunternehmen müssten sich an hohe Standards bei Transparenz und Verantwortung halten, während die Algorithmen der Plattformen weitgehend undurchsichtig blieben.
Giordani räumte zugleich ein, dass die Regulierung mit der rasanten Entwicklung des Marktes nur schwer mithalten könne. Medienunternehmen dürften deshalb nicht allein auf neue gesetzliche Vorgaben warten, sondern müssten selbst Lösungen entwickeln.
Söder setzt auf europäische Regeln
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert angesichts der wachsenden Macht internationaler Technologieunternehmen eine stärkere europäische Medienregulierung. "Letztlich brauchen wir dazu eine europäische Idee", sagte Söder. Das deutsche Medienrecht orientiere sich noch an Realitäten, die es eigentlich nicht mehr gebe. Die bisherigen Verfahren seien zu langsam, um mit der rasanten Entwicklung der internationalen Medienwelt Schritt zu halten.
Söder sprach sich dafür aus, auf europäischer Ebene stärker zu regeln, wer den Zugang zu Medieninhalten kontrolliert, wie dafür bezahlt wird und wer über Inhalte bestimmen kann. Europa müsse dabei schneller werden. "Die Mühlen in Europa mahlen manchmal sehr langsam, leider." Bayern werde sich für entsprechende Lösungen einsetzen.
Medienaufseher Schmiege: Transparenz und fairer Zugang
Auch der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Thorsten Schmiege, warnte vor der Macht großer Plattformen. Viele aktuelle Probleme hingen damit zusammen, dass sich Deutschland und Europa technologisch und wirtschaftlich in starke Abhängigkeiten begeben hätten. "Wenn wenige Plattformen zentrale Bedingungen unserer Meinungsbildung prägen, braucht die demokratische Medienordnung eine Antwort", sagte Schmiege. Er ist auch Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) in ganz Deutschland.
Nötig seien transparente Verfahren und faire Zugangsbedingungen. Während es früher bei der Sicherung der Meinungsvielfalt um die Vergabe von Rundfunkfrequenzen oder Kabelplätzen gegangen sei, stelle sich heute die Frage, ob journalistische Angebote in den Feeds der großen Plattformen überhaupt noch sichtbar seien.
Die Medientage München sind mit erwarteten mehr als 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines der größten Branchentreffen im deutschsprachigen Raum. Die dreitägige Konferenz findet in diesem Jahr zum 40. Mal statt./svv/fd/jdg/DP/mis