HAMBURG (dpa-AFX) - Die von der Bundesregierung geplanten Energiereformen sorgen in der deutschen Windindustrie für Verunsicherung. Auf der heute in Hamburg begonnenen Messe WindEnergy warb die Präsidentin des Bundesverbands Windenergie, Bärbel Heidebroek, für Anpassungen.
"Die Industrie ist einfach verunsichert", sagte Heidebroek der Deutschen Presse-Agentur. "Es sollte eigentlich eine tolle Messe sein, aber trotzdem guckt jetzt jeder auf diese Gesetzespakete und sagt: Was kommt da?"
Die Stimmung in der Branche ist Heidebroek zufolge zweigeteilt. "Einerseits haben wir super viel Genehmigungen, eigentlich könnte alles super laufen", sagte sie. Und andererseits gebe es das Gesetzespaket, das dazu führen könne, "dass wir wirklich einen Stopp da reinbekommen".
Der Geschäftsführer des Verbands des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus in der Sparte für Energieanlagenbau (Power Systems), Dennis Rendschmidt, sagte auf der Messe, die deutsche Windindustrie sei international wettbewerbsfähig. Die Branche befinde sich in einer "Position der Stärke". Die geplanten Reformen der Bundesregierung hinterließen aber Fragezeichen.
Das Bundeskabinett hatte Ende Juli eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und das sogenannte Netzanschlusspaket beschlossen. Die Gesetze sollen Förderung reduzieren und so Stromkosten senken. Einer von mehreren Streitpunkten ist, dass Entschädigungen teils entfallen sollen, wenn das Netz keinen überschüssigen Strom aus Windparks aufnehmen kann.
Das EEG ist das zentrale Regelwerk für den Ausbau von Windkraft, Solarenergie, Biomasse und Wasserkraft. Mit dem Netzpaket soll der Ausbau Erneuerbarer Energien mit dem Ausbau des Stromnetzes synchronisiert und so die Kosten für steuernde Eingriffe ins Netz gesenkt werden.
Windenergie boomt - auch im Ausland
International ist Windenergie gefragt, was sich auf der Messe an dem hohen Interesse aus dem Ausland zeigte. Der Veranstalter Hamburg Messe und Congress erwartet von Dienstag bis Freitag mehr als 43.000 Besucher aus rund 100 Ländern sowie 1.600 Aussteller. Die WindEnergy Hamburg gehört gemessen an der Teilnehmerzahl zu den wichtigsten Messen der Branche.
Der für die Messe zuständige Geschäftsbereichsleiter, Claus Ulrich Selbach, sagte, mehr als die Hälfte der Besucher und rund 60 Prozent der Aussteller kämen aus dem Ausland. Selbach zufolge gibt es dieses Jahr ein erhöhtes Interesse an der Veranstaltung aus der Türkei und aus Indien. Die meisten Besucher kämen aus Deutschland, China und Dänemark.
Die Vorsitzende des europäischen Windenergieverbands WindEurope, Tinne Van der Straeten, lobte den Ausbau der Windenergie in Deutschland. Deutschland nannte sie einen "Motor" der Energiesicherheit. Die frühere belgische Energieministerin sagte mit Blick auf die Lage der Branche in Europa: "Es wird ein Rekordjahr für die Windindustrie." Der Ausbau verhindere, dass Tanker mit Flüssigerdgas nach Europa fahren müssten.
Aus Sicht des Vorsitzenden des internationalen Interessenverbands der Windenergiebranche (GWEC), Ben Backwell, steht die Branche trotz negativer Berichterstattung gut da. Sie befinde sich in einer Phase beschleunigten Wachstums. Der Iran-Krieg habe die Elektrifizierung in den Mittelpunkt gerückt. Flüssigerdgas sei keine Alternative, weil die Preise stark gestiegen seien.
Hunderttausende Beschäftigte und mehr und mehr Strom
Die Windindustrie ist ein wichtiger Arbeitgeber in Deutschland. Nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung stieg die Zahl der Beschäftigten zwischen 2023 und 2025 um rund 30 Prozent auf 172.000.
Die Windenergie stellt demnach mehr als ein Drittel der Arbeitsplätze im Sektor der erneuerbaren Energien. Große Hersteller in Deutschland sind die Siemens-Energy-
Windenergieanlagen erzeugen mehr und mehr Strom. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts stammten im ersten Halbjahr 59,1 Prozent des inländisch produzierten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der Anteil der Windenergie an der gesamten Einspeisung lag bei 29,4 Prozent. Damit war sie die wichtigste Stromquelle.
2030 sollen mindestens 80 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sagte auf der Messe: "Windkraft wird für das Erreichen des Ziels von entscheidender Bedeutung sein."
Die Bundesregierung hat Ziele für den Ausbau der Windenergie gesetzt. An Land soll die Leistung bis 2030 auf 115 Gigawatt steigen und bis 2040 auf 160 Gigawatt. Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag die Gesamtleistung an Land Ende vergangenen Jahres bei 68,1 Gigawatt.
Auf See soll die Leistung bis 2030 auf 30 Gigawatt wachsen und bis 2045 auf 70 Gigawatt. Die Gesamtleistung der Windräder in der deutschen Nord- und Ostsee lag zum Ende des ersten Halbjahres bei rund 10,8 Gigawatt, wie der Bundesverband Windenergie Offshore mitteilte. Zuletzt nahm der Versorger EnBW