POLITIK/ROUNDUP: Bundesregierung wirbt für Tempo im KI-Wettlauf
BERLIN (dpa-AFX) - Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat im internationalen KI-Wettbewerb für mehr Geschwindigkeit in Deutschland und Europa geworben. "Wir können und ich finde, wir müssen in Deutschland und in Europa viel schneller und besser darin werden, digitale Technologien zu entwickeln und sie auch wirklich zu nutzen", sagte Merz beim Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin. "Wir müssen, wir wollen Spitzenreiter werden."
Merz schränkte ein, es gehe darum, den Wandel im Sinne hiesiger Werte zu gestalten. Im Zentrum stehe der Mensch, nicht die Technologie. Man sei mitten in einem epochalen Wandel. Die zentrale Frage sei, wer setze die Regeln.
Bei der zweitägigen Konferenz beraten Regierungsvertreter, Experten und Tech-Unternehmer aus verschiedenen Ländern über Chancen, Risiken und Auswirkungen von KI. Nach Erwartung der Bundesregierung werden die nächsten eineinhalb Jahre darüber entscheiden, ob Deutschland im internationalen KI-Wettbewerb den Anschluss hält.
Deutschland drohe "trotz einer starken Ausgangsposition insbesondere in der Forschung" in eine Situation zu geraten, in der sich der Abstand zu den führenden KI-Standorten USA und China stetig vergrößere. "Das Zeitfenster, um diesen Abstand zu verringern, schließt sich bald", heißt es im Abschlussbericht der KI-Taskforce der Regierung, der beim Digitalgipfel vorgelegt wurde. Die nächsten zwölf bis achtzehn Monate seien für die Weichenstellung entscheidend.
Deutschland soll "KI-Nation" werden
Die KI-Taskforce unter Leitung des Digitalministeriums war im Sommer vom Nationalen Sicherheitsrat der Bundesregierung eingesetzt worden. Ihr Papier gibt als Ziel aus, Deutschland bis 2030 zur "KI-Nation" zu machen, zahlreiche Zielvorgaben werden gemacht, damit Deutschland vorn mitspielen kann.
So sollen bis 2030 mindestens 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der kleineren und mittleren Unternehmen KI einsetzen, die Zahl der KI-Startups soll sich verdreifachen, der Anteil der Wirtschaftsleistung, der KI-basiert erwirtschaftet wird, soll mehr als 10 Prozent betragen, 90 Prozent der Bundesbehörden sollen bis dahin mindestens eine KI-Anwendung zur Bearbeitung von Kernaufgaben nutzen. Gestärkt werden sollen den Plänen zufolge Alternativen zu großen KI-Modellen. Dafür soll die Zusammenarbeit etwa mit Frankreich und Kanada ausgebaut werden.
Wer die technologischen Grundlagen, Talente, Infrastruktur und Anwendungen nicht rechtzeitig aufbaue, werde langfristig von den Entscheidungen anderer abhängig sein.
Wenn es um KI geht, reden Experten längst über weit mehr als über die reinen Sprachmodelle wie ChatGPT und Anwendungen am Bildschirm. Zunehmend bedeutender wird die Entwicklung von humanoiden Robotern, die KI-gesteuert beispielsweise in Haushalten zum Einsatz kommen könnten.
Oder industrielle KI: Hier geht es darum, mit Hilfe von KI Produktionsprozesse zu beschleunigen und weniger fehleranfällig zu machen. Auf der Tagesordnung steht bei der Konferenz auch ein Thema, das so gut wie jeden betreffen wird: Wie wird KI die Arbeitswelt verändern? Kurz- bis mittelfristig könnten viele Bürojobs verloren gehen, wenn KI immer mehr Routineaufgaben übernimmt. Langfristig könnte auch körperliche Arbeit durch Roboter ersetzt werden. Welche Jobs bleiben übrig, welche entstehen neu? Was, wenn Menschen keine Aufgabe mehr haben und Einkommen wegbricht?
Eine Welt ohne Erwerbsarbeit und ohne Geld?
Eine Zukunft ohne Erwerbsarbeit, wie von Tech-Milliardär Elon Musk vorhergesagt, hält Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) weder für unausweichlich noch für erstrebenswert. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur am Rande des Gipfels, es gebe kein Naturgesetz, dass das so passiere, weil der Mensch in der Lage sei, diesen Prozess zu gestalten. "Das heißt, wenn Elon Musk das so sagt, kann man sich auch die Frage stellen: Ist das die Welt, die er haben möchte? Ich möchte diese Welt nicht haben."
Musk hatte im Sommer in einem "Economist"-Interview gesagt, Künstliche Intelligenz werde in der Lage sein, jeden Job besser zu erledigen als ein Mensch. Arbeit werde dadurch "optional". Der reichste Mann der Welt kann sich sogar vorstellen, dass Geld in einer durch KI und Roboter geprägten hochproduktiven Überflussgesellschaft irgendwann keine Rolle mehr spielt.
Wildberger sagte: "In einer Welt, wo alles im Überfluss da ist und ich muss mich um gar nichts mehr kümmern und sorgen, ich weiß nicht, ob diese Welt so lebenswert ist." Er stimmte auf Nachfrage zu, dass das eine Welt wäre, in der Menschen nur noch auf Sinnsuche wären.
KI-Steuer, um Umwälzungen abzufedern?
Die Arbeitswelt werde sich ganz sicher verändern, sagte Wildberger. Es werde neue Jobs geben und solche, die unter Druck kämen. Jedoch werde das menschliche Urteilsvermögen eine größere Bedeutung bekommen. Er rief Firmen dazu auf, nicht auf die Einstellung junger Leute zu verzichten. Diese müssten lernen und Fertigkeiten entwickeln.
Diskutiert wird auch schon länger darüber, hohe Gewinne, die durch KI erwirtschaftet werden, so besteuern, dass genug Geld da ist, um die Umwälzungen abzufedern. Familienministerin Karin Prien (CDU) hatte dem "Stern" gesagt: "Wir müssen zu neuen Formen von Besteuerung kommen. Wenn Wertschöpfung im Wesentlichen über Künstliche Intelligenz funktioniert, muss das auch besteuert werden. Anders geht es nicht." Microsoft-Gründer Bill Gates fordert schon länger, Roboter und KI zu besteuern, um den Anreiz zu verringern, Menschen durch Maschinen zu ersetzen./jr/DP/mis